Freitag, Juni 16, 2006

Amerika dich hasst sich`s besser

Das Cafe Kurzschluss ist eine kleine Studentenkneipe der FH Frankfurt. Es steht eingerahmt und etwas verloren zwischen mehreren Gebäudekomplexen. Um 20.00 Uhr sollte in ihm eine Veranstaltung zum Thema Antisemitismus/Antiamerikanismus stattfinden. Redner Andrei Markovitz, der Autor des Buchs Amerika dich hasst sich`s besser . Vierzig Minuten vor Beginn standen Kehlchen und ich jedoch vor verschlossenen Türen. Wir gingen mit dem Hunger den Kompromiss ein, es in einer halben Stunde noch einmal zu versuchen und zwischenzeitlich bei McDonald einzukehren.

l

Beim zweiten Versuch hatten wir dann mehr Glück. Die Tür stand offen. Wenige Personen liefen herum, sortierten den Infotisch oder bedienten sich an der Theke. Nur ein Mann saß ungerührt auf einem Stuhl und guckte das WM Spiel England – Paraguay. Hin und wieder kam ihm dabei ein Unterstützendes „wooooosch“ oder anerkennendes „woahhh“ über die Lippen. Eine Aura reinsten Fußballinteresses umgab ihn, und ließ die Organisatoren aus der ansonsten eher zupackenden Kommunistischen und Anti-Deutschen Szene respektvoll darauf warten, dass der Schiedsrichter die Partie beendete, ehe sie den Referenten dwieder mit den Nichtigkeiten des Abends belästigten.

l

Glücklicherweise kamen dann doch noch einige Interessierte, weswegen sich der Raum bis auf den letzten Platz füllte. Nach einer Einleitung in die Thematik, sowie einem aktuellen Artikel aus einem Frankfurter Szeneblatt, indem eine Filmkritik zu Flug93 dazu genutzt wurde, die offizielle Version der Anschläge als Lüge zu enttarnen, womit ein krasser Fall von Antiamerikanismus außerhalb der extremen Ränder der Gesellschaft präsentiert wurde, begann Markovitz seinen Vortrag. Wer sein Buch schon gelesen hat, der wird nicht viel Neues gehört haben und doch war es interessant, ihm zuzuhören.

o

Leider sparte er den Bereich Antisemitismus aber völlig aus und sprach nur über den Antiamerikanismus in Europa. Und auch wenn seine Theorien in den allermeisten Fällen zu unterstützten sind und das drängende Problem des Antiamerikanismus, der das Fundament der europäischen Identität bildet, klar angesprochen wird, gibt es dennoch mehrere kritische Anmerkungen zu machen.

ö

So formuliert er etwas missverständlich, ob für ihn Antiamerikanismus grundsätzlich inakzeptabel ist, oder ob dabei auch geschichtlichen Hintergründe berücksichtigt werden müssen.

ö

Er nannte das Beispiel Griechenland, wo die USA vor Jahrzehnten die Militärjunta unterstützten, weswegen dort das USA Bild negativ sei.

Ob er damit einen quasi guten weil nachvollziehbaren Antiamerikanismus präsentiert, der vom rein auf Vorurteile aufgebauten bösen Antiamerikanismus zu Unterscheiden ist, wurde nicht klar.

Er meinte aber wohl, dass bei den meisten Griechen das Amerikabild eben eher schlecht ist, weil die USA tatsächlich schlechtes taten und dass darum kein Antiamerikanismus, sonder legitime Amerikakritik sei. Aber wie gesagt, an dieser Stelle fehlte ein klares Wort.

l

Was dann aber tatsächlich etwas irritierte, war seine Unterscheidung zwischen Kultur und Charakter. Er verneinte die Wechselwirkung dieser beiden Phänomene und nutze dies zu einem überraschenden Plädoyer auf die Charakterstärke der Deutschen. Gerade an ihnen könne man gut erkennen, dass keine Gesellschaft kollektiv einen determinierten Charakter habe, da sie trotz all der Regimewechseln in den letzten 100 Jahren und den brutalen Kriegen heute „das friedlichste Land der Welt seine und keinem Eichhörnchen etwas zu leide tun könnten.“

Diese Feststellung ist nicht nur deshalb unrichtig, weil sie die Friedensliebe der Deutschen betreffend schlicht falsch ist, sonder auch wegen der Opposition in der sie zu den Thesen von Markovitz eigenen Buchs stehen. Wenn der Antiamerikanismus seid Jahrhunderten ein Kernbestandteil der Europäischen Kultur ist, muss das doch Konsequenzen auf den Charakter vieler Europäer haben. Kultur und Charakter existieren doch nicht Autonom nebeneinander her, sondern bedürfen einander.

l

Außerdem wirkten einige Äußerungen von ihm wie ein Plädoyer gegen sein eigenes Buch. Es gäbe alleine von der Lufthansa täglich über dreißig USA Flüge, was die engen Verbindungen zwischen den beiden Kontinenten verdeutlichen würde. Über 70 Prozent der Europäer seien USA freundlich eingestellt (was übrigens einer Umfrage widersprach, die in der Einleitung zum Abend vorgetragen wurde). Man fragt sich bei solchen Erkenntnissen, ob der Antiamerikanismus dann wirklich ein so ernstzunehmendes Problem seien soll. 70 Prozent Zustimmung ist doch gar nicht so schlecht.

l

An dieser Stelle muss aber auch gesagt werden, dass vielleicht die zwar sehr seltenen, aber dennoch vorhandenen Schwierigkeiten von Markovitz, sich im Deutschen präzise auszudrücken, für Missverständnisse gesorgt haben.Außerdem sprang er auch mehrmals zwischen der heutigen Situation und der in andere Epochen, gut möglich, dass dabei einfach verschiedenen Statistiken im falschen Kontext erwähnt wurden.

k

Teilweiße kam danei nämlich das Gefühl auf, dass das Fazit seines Buchs viel zu pessimistisch ausfiel: Noch nie war der Antiamerikanismus so stark wie heute, da er mittlerweile auch außerhalb der schon immer Vorurteilsbeladenen Elite bei der breiten Bevölkerung auf Zuspruch trifft und zu einem Konsensthema geworden ist.

-

Vielleicht war Markovitz aber auch einfach nicht ganz bei der Sache und in Gedanken längst beim letzten WM-Spiel des Abends Schweden – Trinidad-Tobago, weswegen er teilweiße nicht konkret genug formulierte. So bleiben aber doch einige Fragen offen, die sich vielleicht per Nachfrage klären lassen. Nach dem Endspiel.