Samstag, Juni 17, 2006

Demo: Solidarität mit Israel

Tag zwei des Zensurfilm Demonstrationsmarathons ist beendet.
Heute nahmen Kelchen und ich an einer eher fragwürdigen Veranstaltung teil. Mehrere Gruppe, darunter die AK Antifa Mainz, das Bündnis gegen Antisemitismus Rhein/Main und der Zusammenschluss antideutscher Kommunisten Heidelberg riefen zu einer Solidaritätskundgebung für Israel auf. Unter dem Motto “Deutschland das Existenzrecht entziehen“, dass offensichtlich nur die wenigstens als Ironie oder Satire verstanden wissen wollten, versammelten sich cirka 150 Linke auf dem Merianplatz. Kurz vor 19.00 Uhr setze sich der Zug dann in Bewegung. Israelfahnen, Wimpel und Transparente wurden präsentiert. Schade für die Optik war es, dass es nur sehr wenige israelische Fahnen gab.

Um einen Kleinbus herum formierten sich die Teilnehmer. Die einen liefen vorne und skandierten abwechselnd zweifelhafte (Nie wieder Deutschland!), bis geschmacklose (Was tut allen Deutschen gut – Bomber Harris und die Flut) Schlachtrufe, die von “Lang lebe Israel“ Sprechchören ergänzt wurden. Die anderen waren währenddessen hinter dem Bus im Stillen mit dem einatmen der Autoabgase beschäftigt.

Vor der Paulskirche kam unser Zug dann erstmals zum stehen. Die Fußballfans reagierten verwundert bis gar nicht auf unsere Anwesenheit. Über den Lautsprecher lief erneut eine Tonbandaufnahme, die über gesellschaftliche Missstände aufmerksam machen und für eine kommunistische Weltsicht werben sollte. Ein interessierter Mann näherte sich den Trägern des Transparents “Deutschland war als Kind schon Scheiße“ und bekundete verwundert, dass er sowohl auf der Seite Deutschlands und Israels stehe.

„Warum seid ihr gegen Deutschland?“
„Weil Deutschland ein wichtiger wirtschaftlicher Partner der arabischen Staaten gegen Israel ist.“
„Aber das stimmt doch so nicht. Deutschland ist auch ein fester Freund Israels. Merkel hat der Hamas den Geldhahn zugedreht und auch Fischer betonte immer die enge Beziehung zu Israel.“
„Es gibt in Deutschland Umfragen, die einen bedrohlich hohen Anteil an Antisemitischen Vorurteilen in der Bevölkerung erkennen lassen.“
„Das ist wieder etwas anderes. Was ihr hier macht ist reaktionär.“
„Nein wir sind progressiv.“
„Nein das ist reaktionär. Ihr stellt euch nicht der Realität.“
„Man kann doch auch Theoretisch sein. Marx war auch Theoretiker.“
Danach verschwand der nette Herr lächelnd und seinen Kopf schüttelnd.

Dieser Dialog bringt das ganze Dilemma dieser Veranstaltung oder zumindest der eigenen Teilnahme auf den Punkt. Hätte er mich angesprochen, ich hätte ihm größtenteils Recht geben müssen und das aus Überzeugung. Die antideutschen Heidelberger Kommunisten vertreten ein schwer durchschaubares Sammelsurium von Thesen und Forderungen. Das sie meistens von dem was sie da Vertreten selber keine Ahnung haben, macht eine Solidarisierung mit ihnen nicht leichter.

Die Deutschlandfeindlichen Sprüche auf den Plakaten werden außerdem bei vielen Passanten schon von Beginn an verhindern, dass sie sich ernsthaft mit der Meinung der Protestler auseinandersetzen wollen. Und für mich selber habe ich nicht das Gefühl, es hier mit gleich gesinnten zu tun zu haben. Ich hasse Deutschland nicht, ich hasse kein Land, indem auch die Gegner dieses Landes oder seines Systems (in diesem Fall beides) ihre Meinung äußern dürfen. In Kommunistischen Ländern, oder muslimischen Gottesstaaten wird es schwerlich Demonstrationen gegen die Partei oder die Scharia geben. Ich hasse Systeme, in denen es diese Freiheit, diese extremste Form der Meinungsfreiheit nicht gibt.

Die Unterstützung Israels sowie der Kampf gegen den Antisemitismus sind wiederum Überschneidungen mit den eigenen Interessen. Das ist ein großes Verdienst dieser Gruppen, da die restliche Linke diese Themen nicht mit dieser Konsequenz vertritt. Außerdem konzentriert sie die antideutsche-kommunistische Gesellschaftskritik in erster Linie auf Missstände in Deutschland und meint nicht etwa die Wurzeln des Bösen auf der anderen Seite des Atlantiks suchen zu müssen. Ebenfall ein wohltuender Unterschied gegenüber zum Beispiel den Antiamerikanern der Attac.
Leider habe ich aber den Eindruck, dass diese positiven Elemente in ein ideologisch total wahnwitziges, illusorisches und unrealistisches Weltbild verpackt sind.

Von der Paulskirche aus ging es dann weiter in die Innenstadt. Es kam zu einigen spontanen Beifallsbekundungen spanischer Fußballfans, die begeistert “Israel, Israel“ riefen und danach zur Konfrontation mit einer Seite Deutschlands, die es nach dem Weltbild viele Teilnehmer gar nicht geben dürfte. Sie stand in Gestalt eines dunkelhäutigen jungen Mannes auf einem Balkon. Er verteidigte von dort aus mit der BRD-Flagge in Händen seine Heimat gegen die Schmähungen. Da hat die Realität die Rhetorik überholt. Die Flugblätter, die in Deutschland in erster Linie einen rassistischen und fremdenfeindlichen Staat sehen, schmolzen in diesem Moment kurz zu dem zusammen was sie sind: dumme Propaganda.

Zum Abschluss der Veranstaltung postierten wir uns noch für cirka eine halbe Stunde auf einem zentralen Platz in der Innenstadt. Die Rektionen der Passanten erschienen mir eher negativ bis irritiert. Doch kam es auch zu konstruktiven Gesprächsansätzen mit Neugierigen, die sich meist nicht weiterentwickelten, da zu vieles an der Motivation der Kundgebler rätselhaft blieb. Mehrere Männer näherten sich dann noch mit Iran-Flaggen und schrieen ihre Meinung über diesen Aufmarsch so ehrlich in den langsam dämmernden Frankfurter Himmel, dass die Polizei ihnen sehr bald weitere Äußerungen verbat. Dann lösten wir uns auf.