Samstag, Juni 03, 2006

Patrioten

Ich habe gerade zwei Artikel zum Thema Patriotismus auf SpiegelOnline gelesen. Einen kritischen Text von Henryk Broder, der sich auf das Buch “Wir Deutschen“ von Matthias Mattusek bezieht und diesem unter anderem den Tiefgang einer Selbsterfahrungsgruppe attestiert: Wie zum Beispiel die, dass wir uns selbst mögen müssen, "bevor die anderen uns gerne haben können".

Im Anschluss daran las ich dann die Entgegnung des Autoren, der sich beeilte den Begriff Patriotismus rein zu waschen:
“Ich habe sie in Harlem oder East New York kennen gelernt: Alte, Kaputtgeschuftete, die tatsächlich kaum etwas hatten, und die doch sagten: "I am proud to be an American."

Zwar vertrat ich gefühlsmäßig eher die Meinung von Broder, doch fand ich diese Diskussion nicht so bedeutsam, doch was Mattusek dann im vorletzten Absatz an geballter Selbstgerechtigkeit und Dummheit von sich gab, alarmiert dann doch:

"Übrigens, wenn ich gefragt würde, worauf ich als Deutscher derzeit stolz bin, würde ich antworten: dass wir nicht im Irak Krieg führen, sondern nur Fußball spielen; dass wir nicht die Welt belogen haben, um in die Schlacht zu ziehen; dass wir nicht an Foltereien und Massakern dort beteiligt sind; dass wir uns offenbar sehr schwer tun damit, Waffen gegen ein anderes Land einzusetzen; dass wir aus unserer Geschichte gelernt haben und den Krieg nicht als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln betreiben; sondern dass wir Fußball spielen."...Okay?!?!?!

Wenn das der Deutsche Patriotismus ist, gibt es tatsächlich viele Gründe ihn zu bekämpfen. Patriotismus ist eben auch ein Begriff, den man nach belieben formen kann. Für Atheisten kann es die Ersatzreligion sein, für Idioten der Grund nicht nachzudenken, für Feiglinge ein Versteck, für Nazis das Ticket in die Mitte der Gesellschaft und für Mattusek die Möglichkeit dummes Zeug zu reden ohne fürchten zu müssen, dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden.

In erster Linie bedeutet Patriotismus für Leute wie ihn nur eines: Keine Selbstkritik üben, sich moralisch Überlegen fühlen und natürlich auf der richtigen Seite stehen.

Jedes Argument für seinen derzeitigen Deutschland-Stolz ist erbärmlich:
dass wir nicht im Irak Krieg führen, sondern nur Fußball spielen“ - kann man da wirklich so stolz darauf sein?

Nach wie vor muss man anerkennen, dass der Sturz von Saddam Hussein den Irakern die Gelegenheit bietet, eine freiere Gesellschaft zu erschaffen. Die Amerikaner helfen ihnen dabei tatkräftig indem sie Kläranlagen bauen, Internet- und Telefonanschlüsse legen, die Elektrizitätswerke modernisieren und für demokratische Wahlen sorgten.
Die Gegner dieses Prozesses speisen sich aus vier Richtungen. 1.) Sunnitische und Schiitische Clans, die versuchen ihre Machtpositionen zu sichern 2.) gewöhnliche Kriminelle, die es immer da gibt, wo ein Machtvakuum besteht. 3.) muslimische Terroristen, die es als ihre göttlichen Auftrag ansehen, gegen die Menschenrechte vorzugehen. Meinungs-, -Rede- und Glaubensfreiheit sind für sie Verachtenswert und um jeden Preis zu bekämpfen. 4.) die EU

Das Mattusek stolz darauf ist, dass die Iraker, wenn es nach ihm gegangen wäre, weiterhin unter einem grausamen Mörder leiden würden, zeigt deutlich seine Menschenverachtung. Der zweite Halbsatz (sondern nur Fußball spielen) wiederum ist entweder Beweis für eine unfassbare Naivität, die die Grenzen zur Dummheit schon überschreitet, oder ebenfalls Zeugnis einer selbstgewählten Unmündigkeit vor dem, was im deutschen Namen weltweit geschieht. Wobei man von einem Patrioten eigentlich schon verlangen könnte, dass er sich auch etwas mit dem wirtschaftlichen Verstrickungen germanischer Firmen mit z.B. dem Iran auskennt.

Als nächstes ist er froh darauf, “dass wir nicht die Welt belogen haben, um in die Schlacht zu ziehenund schließt damit Rudolf (Hufeisen) Scharping aus dem Kreise deutscher Patrioten aus. Direkt danach erklärt Matthias, dass wir nicht an Foltereien und Massakern dort beteiligt sind;“ und man fragt sich, was dieser schiefe Aussage bedeuten soll?

Auch die Amerikaner sind nicht stolz auf diese Folterrungen, widersprechen sie doch exakt den Werten, auf denen sie ihren Nationalstolz aufbauen. Außerdem sollte unser Patriot sich da nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, denn die Deutschen sind der Folter gegenüber sehr aufgeschlossen wie die Ereignisse um die Entführung eines Frankfurter Millionärssohns zeigen.

Mit dem nächsten Argument bereitet der Matthias dann endgültig seinen Abschied aus der Realität vor, indem er stolz betont, dass wir uns offenbar sehr schwer tun damit, Waffen gegen ein anderes Land einzusetzen;“ Man möchte wissen, warum er nicht stattdessen schrieb: „dass wir der viertgrößte Waffenexporteur sind.“?

Folgerichtig hat der Patriot dann auch die Auffassung, dass wir aus unserer Geschichte gelernt haben und darum den Krieg nicht als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln betreiben; sondern dass wir Fußball spielen.“

Diese Art von Patriotismus ist wirklich ekelhaft. Er ist die Fortsetzung des Appeasment unter anderem Namen. Er ist eine reine Verweigerungshaltung für Idioten, die sich ein gutes Gewissen einreden wollen, ohne ihre Floskeln auch konsequent zu Ende zu denken. Die Liste der Beweise dafür, dass leere diplomatische Worten nicht immer ausreichen, ist lange und wenn es nach dem Fußball-Fan Matthias ginge, dürfte es heute keine Moslems mehr auf dem Balkan geben. Nur die kriegerische Fortsetzung der politischen Bemühungen der Amerikaner haben dort die Massaker an den Moslems beendet um nur ein Beispiel zu nennen.

Für Patriot M. wäre offensichtlich jede UN-Sondersitzung zur Klärung des Streitfalles “Wembley 1966 Tor oder nicht“ bedeutsamer als die Rettung von Menschenleben.

Darum ist auch sein Schlusswort, obwohl offensichtlich ironisch gemeint, eine ziemlich genaue Auflistung all der Gründe, weswegen Patriotismus in dieser Form verstanden eine gefährliche Einstellung ist.

Denn jetzt möchte ich mich für die nächsten fünf Wochen als "armer Tropf" oder als "Strauchdieb" betätigen und mich hemmungslos meinem nationalen, tribalistischen, triebhaften, gegenaufklärerischen, dunklen Fußball-Chauvinismus hingeben.

Quellen: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,419191,00.html

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,419561,00.html




4 Comments:

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