Sonntag, Juli 30, 2006

Wie Israel sich an Journalisten vergeht


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Es muss eine Mischung aus Dreistigkeit und Zynismus sein, die einen dazu bringt, nicht nur zu ignorieren, dass Israel in den Medien konsequent als Aggressor beschrieben wird, sondern auch noch einen Artikel darüber zu verfassen, wie die israelische PR-Maschinerie versucht, den Journalisten den Alltag in einem angegriffenen Land zu präsentieren. Damit wird die Realität gleich auf zweierlei Weise auf den Kopf gestellt. Zum einen ist das Israel-Bild in den Medien ein Desaster und zum anderen, logisch folgend, kann es dann nicht weit her sein mit den israelischen Einflussmöglichkeiten auf die Berichterstattung.

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Matthias Gebauer hat es im Spiegel-Artikel All-inclusive-Paket für Kriegsberichterstatter geschafft, diese Realitätsverzerrung bis ins absurde zu steigern und sparte dabei auch nicht mit geschmacklosen Metaphern und Vergleichen.

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Er lässt den Leser an einem ganz normalen Tag als Israel Korrespondent teilhaben und der beginnt morgens neun Uhr damit, dass eine weibliche Stimme flötet,

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"was haben Sie heute vor, brauchen sie noch eine Idee"? Danach sprudelt es: Gesprächspartner, eine Tour zu den von Raketen getroffenen Häusern Haifas - inklusive, mit Opfern zu sprechen. Ebenso kommt ein Experte mit, der die Raketen erklärt - "gern auch im O-Ton".

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Das Angebot ist noch nicht ausgeschöpft. "Das Highlight kommt noch", so die Dame vom Pressebüro der israelischen Regierung, kurz GPO. "Wir haben in Naharya ein Gespräch mit den Eltern eines entführten Soldaten", sagt sie. Die Eltern von Ehud Goldwasser, seit dem 12. Juli in der Hand der Hisbollah, stünden in einem Hotel bereit. Ein Dolmetscher? Nicht nötig. "Sie sprechen gutes Englisch, keine Sorge".

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Gebauer sagte also sein kommen zu und schon kurz darauf nahm er an der Pressekonferenz von Schlomo Goldwasser teil. Er hatte nicht viel zu sagen und das wenige was er sagte, dass waren

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die typischen Sätze, die Sicherheitsbehörden den Eltern von Gekidnappten einflüstern, wenn sie einen Aufruf durch die Medien senden wollen oder sollen. "Sie, die Entführer meines Sohns, tragen die Verantwortung für die Sicherheit von Ehud", sagt Goldwasser, "sie tragen auch die Verantwortung dafür, dass er bald und unversehrt wieder zu uns zurückkehrt". Mehr falle ihm nicht ein. Er sei Vater, kein Politiker.

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(die beiden entführten Soldaten Eldad Regev und Ehud Goldwasser)

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Na ja, was an diesen Aussagen nun falsch sein sollte, kann ich nicht erkennen und ob Gebauer es auch gewagt hätte, die verzweifelten Appellen der Angehörigen der deutschen Geiseln im Irak als von Sicherheitsbehörden eingeflüsterte Texte zu entlarven, wage ich zu bezweifeln. Danach beschrieb er noch, wie die Goldwassers Fotoalben präsentierten, weil “das berührt die Zuschauer“ und stellt noch mal fest:

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Und all das organisiert und inszeniert vom Pressebüro der israelischen Regierung. Organisiert für ausländische Journalisten. Damit einer der Gründe für den aktuellen Krieg, das Leid der Eltern, seine Öffentlichkeit bekommt.

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Nachdem Gebauer nun also diese unglaubliche Ausschlachtung menschlichen Leidens mitbekommen hat, die von jedem anständigen Boulevard-Magazin Bericht über Liebeskummer bei Teenagern in den Schatten gestellt wird, kann er darüber nicht länger schweigen:

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Propaganda gehört zum Krieg. Vor allem, wenn ein Staat seinen Waffengang als gerecht, als berechtigt erklären will. Der erste Irakkrieg, Afghanistan, noch etwas perfider vor dem zweiten US-Einmarsch im Irak, es war das gleiche Spiel. Ganze Abteilungen arbeiteten am emotional geprägten Bild, dass die Politik der Kriegslenker in den Medien stützen soll. Ein ganz normales Geschäft - PR für den Krieg eben.

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So ist das. Und schon ist der Antiterrorkampf im Libanon nichts weiter als die Fortsetzung des in Deutschland so unbeliebten Irakkrieges. Dabei unterschlägt der Spiegel-Mann aber einige wesentlichen Unterschiede. Die Amerikaner präsentierten im Vorfeld des Irakkrieges tatsächlich manches, was nicht der Wahrheit entsprach, doch woher zieht er die Parallele zwischen diesen getürkten Fakten und den Aussagen der verzweifelten Eltern eines entführten Soldaten?

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Gebauer muss wissen, dass die Deutschen den Irakkrieg weiterhin auch damit verbinden, dass er auf Lügen aufgebaut gewesen sei. Wenn er nun die israelischen Selbstverteidigungsmaßnahmen und die mit ihr einhergehenden PR-Arbeiten im selben Satz erwähnt, so nimmt er mit voller Absicht in kauf, dass die Leser auch Zweifel an der Legitimation dieses Kampfes hegen.

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Wie kommt er aber dazu? Gibt es etwa Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit? Außerdem sollte Gebauer mit dem Begriff Propaganda in dieser Weltgegend vorsichtig umgehen. Wenn er schon diese Pressekonferenz als Propaganda bezeichnet, so wäre es interessant zu erfahren, welche Worte er für das findet, was zum Beispiel die Führer der Palästinenser an Propaganda betreiben: Das filmen eines kleinen Mädchens, das sich weinend neben ihren getöteten Vater setzt, Aufnahmen blutüberströmter Opfer von (israelischen?) Angriffen, die Benennung von Straßen nach Selbstmordattentätern – vergleichbar mit der Angst zweier Eltern um ihren Sohn?

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Was Gebauer jetzt noch zu sagen hat, kommt weitestgehend ohne Begründungen aus.

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Dass bei der gesteuerten Info-Vergabe viel Falsches lanciert wird, gehört zum Allgemeinwissen.

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Sagt es und bleibt Beispiele schuldig.

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Ebenso aber ist es nicht verwerflich, dass ein Staat wie Israel dieser Tage seine Opfer durch Hisbollah-Raketen auch in den Medien abgebildet sehen will. Diese Opfer (seit dem Krieg 17 unter der Zivilbevölkerung) geben dem Waffengang gegen die Hisbollah und den ganzen Libanon einen Sinn.

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Diese Opfer geben dem Krieg einen Sinn? Das kling so, als seien diese Opfer für die Regierung nur ein willkommener Vorwand, um endlich im Nachbarland einfallen zu können. Dieser Kampf ist deswegen notwendig, weil Israel vom Libanon aus Überfallen wurde und sich dagegen verteidigen muss.

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Man kann außerdem erleichtert feststellen, dass der Gebauer immun gegen die Gehirnwäsche der israelischen PR-Strategen ist. Trotz aller anders lautenden Beteuerungen ist ihm nämlich sehr wohl klar, dass Israel nicht nur gegen Hisbollah, sondern gegen den ganzen Libanon vorgeht. Vielleicht wundert es ihn, dass die Israelis das Umwerben eines solch unbeugsamen Journalisten nicht längst aufgeben haben, denn es klingt beinahe etwas überrascht, wenn er danach schreibt.

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Die israelische Journalisten-Betreuung kommt trotzdem geradezu exzessiv daher. Kaum hat man sich bei der GPO akkreditiert, wird man mit e-mails und Telefonanfragen bombardiert. Muss man sich bei anderen Krisen gerade als Deutscher eher einschmeicheln, nach persönlichen Kontakten suchen, herrscht hier eine Art all-inclusive-Stimmung. Es wird nicht gelogen oder vertuscht - es wird gut betreut.

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Witzig, das ist der Sarkasmus, den man als Frontberichterstatter braucht. Es wird nicht gelogen oder vertuscht – es wird gut betreut! Da muss sich die Wahrheit auch mal der Pointe anpassen. Im weiteren Verlauf des Artikels entlarvt er die Israelis dann endgültig. Er weist ihnen nach, dass sie tatsächlich ein vielfältiges Programm für Journalisten anbieten würden. Für alle wäre etwas dabei.

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Gleich elf Geschichten sind im Angebot: Entweder die israelischen Flüchtlinge. Oder die Probleme der arabischen Israelis? Ein Feature, wie ein Dorf über ganz Israel verstreut wurde? Eine Reportage über Menschen, die ihre Häuser verlassen mussten? Ehemalige Geiseln? Oder doch lieber über ein Dorf, das seit Jahrzehnten beschossen wird? Alles ist möglich.

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Es ist nicht klar, was er daran zu bemängeln hat und vielleicht sollte man ihm den Rat geben, dass er es auf Seiten der Palästinenser nicht mit einer solch verunsichernden Vielfalt zu tun hätte. Da könnte er morgens ein kleines Kind interviewen, das die Israelis hasst, mittags stünde dann ein Besuch bei einem kleine Jungen an, der die Israelis hasst und abends würde ein Hamas-Sprecher erklären, warum die Palästinenser die Israelis hassen und immer wären einige Bewaffnete dabei, die dafür sorgen, dass es zu keinen Überraschungen kommt: Ach, die Welt könnte so einfach sein.

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Der krönende Abschluss dieses Artikels folgt dann aber im vorletzten Absatz.

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Auch die Sprachbarrieren werden gern überbrückt. Auf jeder der Listen sind Augenzeugen, die verschiedene Sprachprofile haben. Im Einwanderungsland Israel kommt da einiges zusammen: Englisch, Französisch, Spanisch, Russisch und natürlich auch aus jeder Stadt mehrere Menschen, die Deutsch sprechen. Aufwendige Synchronisation fällt bei diesem Service aus. Spätestens jetzt erinnert dies alles sehr an die "Man spricht Deutsch"-Schilder auf Mallorca.

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So unterschiedlich kann man das sehen. Wenn Gebauer sich darüber auslässt, dass eine Synchronisation dank der deutsch sprechenden Israelis unnötig ist und dabei als Assoziation "Man spricht Deutsch"- Schilder im Kopf hat und nicht etwa "Deutsche, kauft nicht bei Juden" oder "Für Juden und Hunde Zutritt verboten", ist es ihm gelungen, sich von der deutschen Geschichte frei zu machen. Kein Wort darüber, dass es sich bei den Deutschsprachlern zumeist um Holocaustüberlebende handelt, die nun wieder von Antisemiten mit dem Tode bedroht werden. Nein, stattdessen ein Verweiß auf die Hochburg des deutschen Idiotentums auf Mallorca.

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Beeindruckender kann die Verachtung für das Leid der israelischen Bevölkerung nicht auf den Punkt gebracht werden: "Man spricht Deutsch."

1 Comments:

At 31 Juli, 2006 18:19, Anonymous heplev said...

Ich hätte gerne einmal einen Darstellung der "Touren" durch die bombardierten Bereiche von Beirut. Mal sehen, ob dieser Tintenpupser das auch so schreiben würde. Ich könnte wetten, er täte das nicht, sondern nimmt alles für bare Münze, was ihm die Propaganda-Maschinerie der Hisbollah vorplappert!

 

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