Donnerstag, August 31, 2006

Die Juden machen wieder Ärger


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Charlotte Knobloch, Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, beklagte vor einigen Tagen die „absolute Anti-Stimmung“ gegenüber Juden. Diese Antistimmung sei „in alle Kreise und Schichten eingedrungen.“, und die jüdischen Bürger würden „in den aktuellen Nahostkonflikt hundertprozentig hineingezogen.“
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Was sie sagte, war besorgniserregend. Juden werden für die Ereignisse in Nahost in Geiselhaft genommen und auf den Straßen tobt sich ein antisemitischer Mob aus, der „Tod Israel“, „Israel Kindermörder“ und ähnliches skandiert. Man sollte meinen, dass ein solcher Hilfeschrei von der Gesellschaft und der Politik ernst genommen wird.

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Dem ist nicht so. Ganz im Gegenteil schlägt nun über dem Zentralrat eine Gegenempörung zusammen, der sich all jene anschließen, die eigentlich überlegen sollten, warum Knobloch im Jahr 2006 ein solch pessimistisches Bild der Zustände in Deutschland zeichnen muss.

Von der SPD und der Linkspartei wird aggressiv darauf hingewiesen, dass in ihren Reihen für Antisemitismus kein Platz sei. Der Grund: Knobloch nannte unter anderem Oskar Lafontaine und Heidemarie Wieczorek-Zeul als zwei Personen, die diese Antistimmung noch zusätzlich schüren. Mehr Probleme scheint man offenbar mit dem Gesagten nicht zu haben.

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Es lohnt sich darauf zu achten, um was sich die Diskussion dreht, die nun geführt wird. Mitnichten geht es dabei um den brisanten Inhalt des Interviews - dieser wird höchstens als Randnotiz vermerkt - stattdessen wehrt man sich gegen die Dreistigkeit des Zentralrats, der doch tatsächlich Kritik anbringt und Namen nennt. Das geht zu weit!

Man hat in Deutschland ja immer viel Verständnis für die Empfindlichkeiten der Juden, solange sie diese nur für sich behalten. Darum heißt es jetzt auch nicht: „Zentralrat beklagt Anwachsen des Antisemitismus.“, sondern, wie etwa im Wiesbadener Kurier: „Die Antisemitismus-Vorwürfe des Zentralrats der Juden gegen deutsche Politiker haben deutlichen Widerspruch ausgelöst.“

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Wir gegen die, oder umgekehrt. Auf jeden Fall handelt es sich um eine gemeine Attacke der Juden auf die deutschen Politiker. Es fehlt nur noch, dass man Knobloch den unverhältnismäßigen Einsatz des Antisemitismusvorwurfs vorhält.

Die skandalösen Zustände, von denen im Interview gesprochen wird, interessieren dabei nicht. Es geht darum, sich vom Vorwurf des Antisemitismus rein zu waschen, ohne sich mit dem Antisemitismus selber zu beschäftigen.

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Wenn die Juden als Vertreter Israels in Deutschland betrachtet werden und dementsprechend unter der antiisraelischen Stimmung zu leiden haben, ist dies ein Skandal. Brechen sich doch dabei alte antisemitische Verschwörungstheorien bahn, die von einem jüdischen Kollektiv sprechen und keinerlei Differenzierung kennen. Wieso in diesem Fall kein Aufschrei durchs Land geht ist ebenso bedauerlich wie bedenklich.

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Es scheint, als ob der Kampf gegen den Antisemitismus für viele nicht mehr als eine leere Floskel ist. Sich gegen den Antisemitismus einzusetzen, gehört eben zu den Ritualen, die man als geschichtsbewusster Deutscher zu bewältigen hat. Wobei dann der verpasste und nie stattgefundene Widerstand gegen die Nazis nachträglich ausgefochten wird, indem hier noch ein Mahnmal hingestellt wird und dort eine Straße nach einem ermordeten Juden benannt wird.

Wenn es aber darum geht, sich einmal nicht nur mit dem Kampf gegen den Antisemitismus einer vor Jahrzehnten besiegten Ideologie zu beschäftigen, sondern dem aktuellen entgegenzutreten, verflüchtigt sich das Engagement. Der lebendige Antisemitismus könnte sich ja wehren.

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Die Weigerung, sich mit Knoblochs Warnungen ernsthaft zu beschäftigen (und zuvor schon mit denen von Spiegel und Bubis), muss in einer Linie mit anderen Ereignissen gesehen werden, bei denen ein aktives Eintreten für die Juden notwendig gewesen wäre, beziehungsweiße immer noch ist. An erster Stelle muss hierbei das Verhalten gegenüber dem Iran bemängelt werden.

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Aber da formiert sich kein ernstzunehmender Protest, stattdessen wird geschwiegen. Vielleicht weil auch die (Enkel-) Kinder einstmals die Gelegenheit haben sollen, Gedenkstellen einzuweihen? Wobei dann die Toten aber keine europäischen Juden mehr wären, sondern israelische.

6 Comments:

At 01 September, 2006 11:27, Anonymous Leserin said...

Ich habe immer wieder über die Aussage von Fr. Knobloch (Spiegel-Interview) nachgedacht, weil ich Ihr zunächst spontan voll zugestimmt hatte. Allerdings ist mir dann aufgefallen: Nein, ich würde nicht sagen, es handelt sich um eine Anti-Stimmung gegen Juden, sondern um eine Anti-Stimmung gegen Israel (nicht „Israelis“), also gegen die Politik Israels. Dieser Anti-Stimmung (Vorbehalte, Misstrauen etc.) begegne ich seit vielen Jahren. Und ich halte sie für politisch. Die Gründe für diese Stimmung sind vielfältig (ein eigenes komplexes und interessantes Thema, sicher spielt fehlende politische Bildung hier eine große Rolle, ich würde das alles sogar in einen Topf werfen mit der Anti-amerikanischen Haltung vieler Menschen), ist jedoch meiner Meinung nach nicht antisemitisch motiviert. Ich meine das, was Fr. Knobloch vermutlich meint, wenn sie allgemein von „Anti-Stimmung“ spricht und dabei Beispiele von Politikern nennt, die ihrer Meinung nach diese Anti-Stimmung fördern. Sie spricht auch an keiner Stelle ganz allgemein von einer „antisemitischen Stimmung“, vermutlich ganz bewusst, weil sie selbst die Unterscheidung trifft, die ich hier vorschlage. Meiner Meinung nach handelt es sich bei Fr. Knoblochs Kritik an einer Kritik daran, dass die Katastrophe in Nahost von unserer deutschen Seite aus politisch zu wenig pro-israelisch betrachtet wird, statt dessen eher aus einer schein-kritischen Haltung heraus, die v.a. auf Unkenntnis basiert und viele Politiker u.a. öffentliche Stimmen schließen sich dieser eher versteckt anti-israelischen Stimmung der Leute an (Stichworte Unkenntnis, Opportunismus, Sensationsjournalismus...). So wird eine schon vorhandene schein-kritische anti-israelische Haltung von unbedarften Bürgern gefördert.

Ich sage mal so: wenn Sie in einer Diskussion, z.B. mit Freunden, Israels aktuelle Verteidigungspolitik erklären und sagen wir mal grundsätzlich in Schutz nehmen, werden Sie vermutlich mit allen möglichen Argumenten, darunter auch haarsträubenden, konfrontiert, vermutlich auch vermengt mit Emotionen wie Empörung, Wut. Das passiert Ihnen aber auch, wenn Sie als nicht-Jude Israels aktuelle Verteidigungspolitik erklären und in Schutz nehmen. Wenn Sie Jude sind, nehmen die Leute von vorneherein an, dass Sie höchstwahrscheinlich Israels Politik (Libanonkrieg, auch Themen wie: woran scheiterten die 2000er Camp David Friedensbemühungen) eher verteidigen als grundsätzlich in Frage stellen würden. Ist diese Annahme antisemitisch, selbst wenn sie falsch wäre? Ich kann den Zusammenhang zum Antisemitismus nicht erkennen.

 
At 01 September, 2006 11:45, Blogger Fuchsbau said...

@leserin
Ich bezweifle aber, dass man tatsächlich zwischen Antisemitismus und einer unangemessenen Kritik an Israel so strikt trennen kann. Man kann doch davon ausgehen, dass Leute, die in diesem Zusammenhang zum Beispiel Assoziationen zum Vernichtungskrieg der Nazis ziehen, oder ansonsten permanent nur Israel kritisieren, in erster Linie antisemitischen Denkstrukturen folgen. Außerdem zeigt doch die Tatsache, dass Juden immer als Repräsentanten Israels gesehen werden, wie verquer die Vorstellungen sind. Ich habe es noch nie erlebt, dass ein Moslem für die Verbrechen des Iran an den Bahai oder den Steinigungen in Saudi-Arabien verantwortlich gemacht wurde. (Was schlimm wäre.) Im Zusammenhang mit Israel gehört aber alles Jüdische zur Zielscheibe und wenn Synagogen angegriffen werden, weil im Nahenosten eine Krise ausgebrochen ist, muss dies ganz klar als Antisemitismus bezeichnet werden.

Ein Kolumnist der New York Times, Thomas Friedmann, schrieb zu diesem Thema:

„Israel zu kritisieren ist nicht antisemitisch, und so etwas zu behaupten
ist schändlich. Aber Israel andauernd alleine zu schelten ist antisemitisch
und es nicht zuzugeben ist unehrlich.“

 
At 01 September, 2006 20:49, Anonymous Leserin said...

Hallo,
danke für das Th.-Friedmann-Zitat! Genau da würde ich ansetzen und entgegnen: einseitig andauernd Israel zu kritisieren ist bei uns in den meisten Fällen nicht antisemitisch, sondern desinformiert. Ein Beispiel. (ähnlicher Radiobeitrag: kam vorgestern Morgen i. Bayern 5,der Nachrichtensender, nicht zum ersten Mal). Sie heißen Otto Durschnitt und hören morgens im Radio ein Interview mit einer palästinensischen Frau aus dem Gaza-Streifen, deren Haus gerade weggebombt wurde. Sie erzählt, wie alles war, wer alles in dem Haus lebte, dass sie und ihre ganze Familie mit vier Kindern nun obdachlos seien. Dass sie alles verloren hat. Das Ganze 2 Minuten lang, danach wird Folgendes erklärt (wörtliches Zitat): „Begründung des Angriffs: Ein Bruder von Fr.H. sei Mitglied des islamischen Dschihad, einer militanten palästinensischen Aktion. Die Familie bestreitet das.“ Mit dieser kurzen, sachlichen Information wird der Beitrag beendet. Sie haben heftige Emotionen des Mitleids und der Empörung und wenig Ahnung, was eigentlich genau unter „Dschihad“ zu verstehen ist, sind außerdem als toleranter Mensch davon überzeugt, dass wir alle, Juden, Christen, Moslems an denselben Gott glauben und in ein kleiner Verdacht ärgert Sie, hier könnte jemand einen anderen diskriminieren wollen auf Grund seiner Religionszugehörigkeit zum Islam („Mitglied des islamischen Dschihad“). Sie waren nie in Israel, finden das auch nicht so interessant, weil es recht verworren scheint. Sie haben aber aus den Nachrichten mitbekommen, die Sie ab und zu gucken, dass Israel bis unter die Zähne bewaffnet ist, dauernd an Grenzübergängen Leute kontrolliert und nicht durchlässt, Gebiete verlässt und wieder besetzt, sehr viel Gewalt auf beiden Seiten herrscht, und dass die Palästinenser irgendwie keinen eigenen Staat haben, aber andauernd deswegen auf die Straße gehen und letztens zum ersten Mal gewählt haben, dunkel erinnern Sie sich, die Gewinner-Partei hieß „Hamas“, und gestern war im Radio wieder die Rede von einem Selbstmordattentat, aber war das in Tel Aviv oder in Bagdad, sie können sich nicht mehr so genau entsinnen. Das Bild der palästinensischen Familie, die alles verloren hat und nun vor den Trümmern ihres Hauses interviewt wird, steht vor Ihrem geistigen Auge als Sie aufstehen und zum Zähneputzen gehen. Was denken Sie nach diesem Beitrag über Israel? Sind Sie dann Antisemit?

Schwierig das alles, ist nun die Medienberichterstattung „antisemitisch“??? ... ich muss da noch länger drüber nachdenken.

 
At 01 September, 2006 22:11, Blogger Fuchsbau said...

@leserin
Also indem Fall, den sie da durchspielen und der ja äußerst konstruiert ist, würde es sich ja nicht um Antisemitismus handeln. Es geht ja auch nicht darum, dass jeder unter den Verdacht fallen muss, Antisemit zu sein, der Israel nicht ganz wunderbar findet. Was sie da beschrieben haben, wäre in erster Linie Emotionalität gepaart mit völliger Unbildung. Wobei man aber unterstellen kann, dass bei der enormen Berichterstattung über Israel wohl ein gewisses Grundwissen bei den meisten Leuten da sein sollte. Nein, antisemitisch wird es in dem Moment, indem keine Unterscheidung mehr getroffen wird, zwischen Israel und dem Judentum, wenn Juden zu Stellvertretern Israels gemacht werden und einzig von Israel ein moralisch Verhalten gefordert wird, das so von keinem anderen Staaten eingefordert wird.

Ich persönlich kann mich eigentlich nicht daran erinnern, dass Menschen, die tatsächlich nur die israelische Politik kritisierten, als Antisemit beschimpft wurden. Und wenn, wie in ihren Beispiel, jemand über eine Militäraktion empört ist, ist dies absolut nicht antisemitisch. Wenn die Empörung aber an den Gedanken geknüpft ist: „Typisch Juden!“, sieht die Sache wieder anders aus. Es hängt eben immer von den Hintergedanken ab, die jemand hat.

 
At 03 September, 2006 00:39, Anonymous ruth.wuersch@bluemail.ch said...

Ehrliche (und daher nicht antisemitische) Kritik an Israel ist erkennbar auch daran, wie kohärent (zusammenhängend) sie ist, sagt Etgar Keret, ein Schriftsteller aus Israel.
Kohärenz deute ich so, dass ich im Nahostkonflikt den Zusammenhang von Ursache, Verlauf und Folgen herstellen kann und ihn auch dann nicht aufgebe, wenn das ebenso ehrliche Mitgefühl mit der Frau in Gaza hochsteigt. Sich das eine nicht gegen das andere ausspielen lassen! Aber das ist schwierig, denn viele Kommentare zum Nahostkonflikt vermitteln einen „humanistischen Fundamentalismus“, ein Ausdruck der Journalistin Katharina Rutschky in der „taz“, den sie so erklärt: Die Botschaft der Medien, in Worten oder effektiver noch in Bildern vermittelt, ist immer dieselbe... Gewalt ist böse, eine militärische schon gar keine Lösung, sondern (die militärische Lösung ist) das zu beseitigende Problem.

 
At 03 September, 2006 07:32, Blogger medbrain said...

Momentan erlebe und lese ich immer in Zusammenhang mit der Israelberichterstattung eine Verknüpfung der deutschen bzw. auch amerikanischen Juden mit israelischer Politik - bis hin zu "die Juden haben die Meinungsmacht im Weissen Haus" (englische, linksliberale Presse).

Die Meinung der Halbwissenden in Deutschland hören auch Juden am häufigsten, weil sie in deren System als Adressat Nr. 1 gelten. Der Schlußsatz lautet nur allzu oft "Die Juden machen es ja nicht anders als die Nazis".

Diese Verknüpfungen sind es, die die "Kritiker" als Antisemiten kennzeichnen.

 

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