Samstag, August 19, 2006

Linke Wut


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Heute nahm ich an einer großen Wanderung durch den Pfälzer-Wald teil. Für Ortskundige sei hier die genaue Route verraten: Helmbach Weiher – Naturfreundehaus – Totenkopf – Neustadt. Cirka zwanzig Kilometer, sehr hügelig und leicht zu unterschätzen. Am Ende war ich dann doch ein bisschen müde. Das Wetter entwickelte sich äußerst gut, sodass wir im Nieselregen begannen und schließlich bei strahlendem Sonnenschein in den Zug stiegen.

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Die Pfälzerwald-Hütte Totenkopf zählte allerdings zu den negativ Erfahrungen des Tages (womit ich endlich auf das eigentliche Thema des Post eingehen kann). Nach der Hälfte der Wanderung kehrten wir in sie ein und zu meinem Bedauern musste ich feststellen, dass sie Minderheitenfeindlich ist. Folgende Fotos sollen den Skandal dokumentieren:

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(Foto 1)

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Auf Foto 1 sehen wir eine scheinbar normale Gabel. Doch bei genauerer Betrachtung entpuppt sie sich als etwas ganz anderes. Sie symbolisiert die Arroganz der Macht! Wie soll ein Linkshänder bitte schön mit einer solchen Gabel vernünftig einen Kuchen bearbeiten, fragt sich offensichtlich der Mann auf dem keineswegs gestellten Foto 2 (und sieht mir dabei sogar beinahe ähnlich).

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(Foto 2)

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Die Antwort ist: gar nicht! Das hämische Lachen der Umstehenden Rechtshänder bei einem solchen Versuch ist einem sicher und die Demütigung gibt’s gratis dazu.Es ist eine Schande, nur weil die Rechtshänder in Deutschland beinahe alle wichtigen Schaltstellen in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft besetzen, meinen sie, ihre Esstraditionen rücksichtslos allen aufdrängen zu können. Nun verlangen wir Linkshänder wirklich nicht viel von den Leuten, die mit der anderen Hand ihren Alltag bestreiten, aber etwas Respekt vor unserer Entscheidung, das Sprichwort „Das mach ich mit Links!“ nicht nur als leere Floskel zu verwenden, sondern es zu leben, wäre durchaus angebracht.

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Vielleicht ist es an der Zeit all diese Zurückweißungen nicht mehr länger hinzunehmen und mal etwas Rabatz zu machen? Vielleicht sollte man nicht mehr schweigen, wenn das Öffnen der Erbsensuppendose nicht nur misslingt, sondern auch drei Dosenöffner dahinrafft? Vielleicht sollte in genau diesen Momenten nicht mehr an sich selbst gezweifelt werden, sondern die Service-Nummer des Dosenöffner-Fabrikanten gewählt und der Frust über diese Überheblichkeit deutlich gemacht werden?

Ja, ja, ich weiß was jetzt kommt: „Aber es gibt doch auch Linkshänder-Artikel!“ Das zählt nicht. Solche Produkte sind teuer und da sie oftmals in eigens dafür gekennzeichneten Spezialläden feilgeboten werden, auch ein Fall übelster Diskriminierung.

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Verdammt, sind wir etwa nicht auch Teil der werberelevanten Zielgruppe? Ich träume von einer Welt, in der ich bei meiner Bank nicht erst den an der Infosäule per Kette befestigten Kuli gewaltsam von eben dieser befreien muss, weil er nur auf die Bedürfnisse rechtshändiger Kunden eingeht. Ich träume davon, dass es im Fußball irgendwann egal sein wird, wer Links- und wer Rechtsfuß ist, weil wir doch schließlich alle Menschen sind. Ich träume von dem Tag, an dem ein Politiker stolz sagen kann: Ich bin Linkshänder und das ist auch gut so!

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Und nun gehe ich ins Bett und denke noch etwas darüber nach, ob Militanz vielleicht doch das geeignete Mittel wäre, um auf all diese täglichen Demütigungen aufmerksam zu machen, die uns angetan werden. Für jeden nicht linkshändergerechten Füller brennt ein Auto, wie wärs??? Aber ob es wirklich so eskalieren muss, liegt an euch Rechtshändern. Darum, haltet ein in eurem ignoranten Wahn, Respektiert unsere natürlichen Rechte und Vorlieben und treibt uns nicht in die Kriminalität! Reicht uns die Hand, lasst uns die uralte Utopie eines beidhändigen Staates Wirklichkeit werden lassen. Dafür verzeihen wir euch auch Provokationen wie Günter GraSS und entschuldigen uns im Gegenzug für Johannes B. Kerner. Denkt darüber nach und vergesst niemals: keine Tyrannei währt ewig!

3 Comments:

At 19 August, 2006 12:21, Anonymous ruth.wuersch@bluemail.ch said...

Sehr geehrter Herr Böss
Ich verstehe Ihre linke Wut! Doch fassen Sie Mut und seien Sie zuversichtlich! Ihr Anliegen kann auch BIBLISCH untermauert werden. Schlagen Sie nur nach im Buch Richter, Kapitel 3 Vers 15, dort wird ein gewisser Ehud zum Retter der Israeliten "... Ehud der Sohn Geras... der war linkshändig." Und erst in Richter 20,16!! Dort ist von 700 auserlesenen Männern die Rede, die... allesamt linkshändig waren! Wenn die Bibel etwas so ausdrücklich erwähnt, kann von der Wichtigkeit desselben ausgegangen werden. Obwohl nun biblische Wahrheiten von Politikern nicht immer expressis verbis akzeptiert werden, so hat eine solche Referenz doch immer ihre Wirkung. In diesem Sinne viel Glück!
Ruth Würsch
P.S. Ihre Texte zum Nahost sind genial. Erlauben Sie mir, auch hier einen biblischen Querverweis zu machen: Richterbuch Kapitel 6.. GIDEON, der streitbare Held. Nur scheint es mir, Gideon Böss habe etwas mehr Humor als Gideon, Sohn des Joas.

 
At 19 August, 2006 16:32, Anonymous Günther Grass said...

Oh Gideon, ich liebe, liebe, liebe sie!!! Sie sind ja sooooo brilliant und witzig! Ich sinke, ihrer genialen Satire andächtig, auf die Knie! Lassen sie mich noch die Brücke zu einem anderen Gideon schlagen: Und zwar Gideon der Frosch aus der Muppetshow! Ach nein, der hiess ja Kermit! HAH!
ihr G. Grass

 
At 20 August, 2006 02:52, Blogger Fuchsbau said...

@ruth.wuersch@bluemail.ch
besten dank für die interessanten hinweise und das lob. es freut mich, dass mir die bibel ganz offensichtlich recht gibt ;-)

 

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