Sonntag, August 20, 2006

Muss TAZ wirklich sein?



Welchen Daseinszweck die TAZ eigentlich hat, ist nicht ganz klar. Gedacht ist sie offenbar für solche Leser, denen der SPIEGEL zwar zu sehr „Mainstream“ (aber trotzdem Abonniert) ist, die aber gleichzeitig wirklich alternative Medien aus Angst vor ihrem guten Ruf nicht kaufen und nutzen wollen. Ein Hauch von angepasster Rebellion umweht jene, die sich diese Zeitung vornehmlich in den Bahnhofsbuchläden kaufen, um sie dann als Blickfang unter den Arm geklemmt umher zu tragen.

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Im Durchschnitts-TAZler steckt immer auch ein potentieller Wähler der Ökologischen Partei, die er aber aufgrund seines realpolitischen Verstandes niemals wählen würde und stattdessen die GRÜNEN oder die WASG ankreuzt.

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So wie der typische Linke nicht ins Grübeln kommt, warum sich die Nazis mittlerweile von seinen Demonstrationen und Kundgebungen so angesprochen fühlen, kommt auch der TAZ-Leser nicht in Gewissensnot, wenn seine Zeitung mal wieder atemberaubenden Stuss schreibt.

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Steht sie doch für Multikulti, für das Recht auf Andersartigkeit und gegen alle Deutschtümelei, wie sie angeblich und seit jeher vor allen von der Springer-Presse propagiert wird.

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Heute nun präsentierte sich die linke Tageszeitung wieder ganz besonders rebellisch und brach eine Lanze gegen das Spießbürgertum bzw. für das Recht auf Ehrenmord und Scharia. Christian Kortmann forderte in „Die Freiheit Fremd zu sein“ ein Ende aller Integrationsbemühungen und sah darin die einzige Möglichkeit, das künstlerische Potential zu wecken, das in den Parallelgesellschaften steckt.

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Klingt wirr, ist es auch. Dem rhetorischen Taschenspielertrick folgend, ein gar nicht bestehendes Tabu umso mutiger zu brechen, greift er die heilige Kuh des Zeitgeistes an: Die Integration!

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Der Kortmann-Text zeichnet sich durch eine konsequente Missachtung der eigentlichen Problematik aus. Er greift an, wo es nichts zu kritisieren gibt und bleibt stumm, wo er Missstände ansprechen müsste. Gleich zu Beginn setzt er mit einem Allgemeinplatz Akzente:

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„Wer selbst im Ausland gelebt hat, weiß, wie schwierig es ist, in einem Land zurechtzukommen, in dem man Sprache und Sitten erst erlernen muss und in dem man von jedem als Fremder behandelt wird:“

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Niemand bezweifelt das und doch könnte die Integration der eigenen Kinder oder Enkelkinder schneller vonstatten gehen, wenn diese etwas bessere Deutschkenntnisse als die tatsächlich einst in ein fremdes Land eingewanderten Großeltern hätten.

Weil es sich aber um einen TAZ-Artikel handelt, hält man sich erst gar nicht mit den Spießer-Diskussion darüber auf, ob und wenn ja was man den Zugewanderten an Wissen über die neue Heimat zumuten kann. Nein, stattdessen beginnt man sich in pädagogische Philosophie zu flüchten, die zu gleichen Teilen lächerlich und kontextlos ist.

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Am wenigsten wünscht man sich da, von irgendjemandem aufgefordert zu werden, dies oder das zu tun, etwa auf einem Bogen Fragen zur Landeskunde zu beantworten, die einen nicht interessieren. Denn auch das weiß, wer die Fremde kennt: Das Individuum lebt ja überall ähnlich. Egal, wohin es verpflanzt wird, es passt sich nicht vollständig den regionalen Sitten an, sondern richtet vielmehr die eigenen Gewohnheiten anhand der Möglichkeiten der neuen Infrastruktur aus.

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"Das Gerüst eines vertrauten Alltags ist die einzige Konstante im Leben des Entwurzelten???" Typischer TAZ-Satz. Klingt nachvollziehbar, ist aber völliger Stuss. Wie viele Türkinnen kommen denn ohne Kopftuch hier an, nur um kurz darauf tief verschleiert aufzutreten? Da war es nicht das Heimweh nach einem vertrauten Alltag, der diese Verwandlung tätigte, sondern die von der TAZ eingeforderte grenzenlose Freiheit der Nicht-Intergration, die ja vor allen gutes bewirkt. Denn:

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Einige der größten, allseits bewunderten Kulturleistungen wurden von gesellschaftlich Unangepassten und Desintegrierten vollbracht, die an jedem Ort Exilanten waren.

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Man darf gespannt darauf sein, welche genialen Kunstwerke uns die Parallelgesellschaften noch so bescheren werden. Wobei mir eigentlich Antisemitismus, Ehrenmorderde, Zwangsheiraten und Verachtung für die Demokratie schon völlig ausreichen.

Wie Kortmann nun aber auf folgende gewagte Aussage kommt, bleibt wirklich schleierhaft:

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Solcherart gelagerte Fälle hatte Sigmund Freud im Sinn, als er bemerkte, dass große intellektuelle Würfe nur einem einsam arbeitenden Individuum möglich seien.

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Ist es bei der TAZ eigentlich Ehrensache, einen einmal zugesagten Artikel auch um jeden Preis zu veröffentlichen, selbst wenn sich dessen Inhalt als, nun ja, sinnloses Geschwafel herausstellt? Wer weiß, auf jeden Fall wird es noch schlimmer. Singt der gute Mann doch plötzlich das Hohe Lied auf den Individualismus und betätigt sich zugleich als Kulturrelativist.

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[…] gilt es in diesen Tagen […] an den kulturellen Wert von Individualismus und Desintegration zu erinnern. Denn die von der Mehrheit definierte und gewünschte Norm ist nicht per se erstrebenswert. Von ihr geht nämlich seit jeher ein immenser Druck aus, Außergewöhnliches zu stutzen, um es ins herrschende Mittelmaß einzupassen.

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Nun geht es Schlag auf Schlag und man ist plötzlich mitten drin im verdrehten Weltbild derer, die Ursache und Wirkung gerne ebenso verwischen wie Terror und Krieg.

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Für den kulturellen Fortschritt ist es aber umso wichtiger, dass der Einzelne genug Eigensinn an den Tag legt, um seine Ideen durchzufechten, auch wenn es dafür keinen Applaus gibt. Durch mehr Mut, Andersartigkeit und Desintegration zuzulassen, würde die Gesellschaft innovative Impulse gewinnen. Sie würde das de facto vorhandene, bislang verschmähte Potenzial der so genannten Parallelgesellschaften nutzen, die dort entstehen, wo sich mehrere Desintegrierte zusammentun.

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Dieser Absatz ist im Übrigen auch ein Widerspruch zur Grundaussage des Artikels. Warum hat die böse Mehrheitsgesellschaft denn noch nichts von den innovativen Impulsen bemerkt, die sich entwickeln, wenn Desintegrierte sich zusammentun? Sie wurden doch bisher in Ruhe gelassen.

Was gibt es sonst noch zu sagen? Ach ja zum Beispiel das:

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Parallelgesellschaften sind nicht das Hauptproblem des Staates, sondern Thinktanks der Vielfalt und deshalb eine der erfreulichsten Erscheinungen im Deutschland der Gegenwart.

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Und das

Wer sich die Mühe macht, genauer hinzuschauen, erkennt, dass sich hinter jeder Parallelgesellschaft ein reiches Paralleluniversum mit eigenen Regeln und Mythen verbirgt.

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Und das (kein gesellschaftskritischer Text ohne Seitenhieb auf den Klassenfeind der CDU)

die Gesellschaft immunisiert gegen reaktionäre Fantastereien von "deutscher Leitkultur" und "Schicksalsgemeinschaft", in die, wie der CDU-Politiker Volker Kauder meint, Einwanderer sich zu fügen hätten

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Und das (dutzende Ehrenmorde bestätigen diese harmonische Sichtweiße)

Im Grunde leben wir doch alle parallel nebeneinander her, in relativ harmonischer Desintegration.

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Warum ein Migrant etwas Ahnung von der deutschen Geschichte haben sollte, ist Unverständlich und…aus dieser Perspektive erscheinen Landeskunde-Fragebögen und Integrationskurse als Bedingung für die Einbürgerung vollends lächerlich.

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Lächerlich und ärgerlich sind vor allen solche Artikel, die an der eigentlichen Problematik vorbeigehen und in Fantasieschlachten gegen nicht existente Gegner, die immer von der CDU und der BILD angeführt werden, schlagen. Niemand fordert vom Dönerbudenbesitzer, dass er plötzlich weiß, wer der dritte deutsche Bundespräsident war. Es geht doch darum, dass es tatsächlich Probleme mit Parallelgesellschaften gibt, die in der Gefahr stehen, sich endgültig von der Außenwelt abzukapseln. Aus diesen Milieus sind weder irgendwelche schöpferischen Leistungen zu erwarten, noch eine Stärkung des demokratischen Pluralismus. Es gibt junge Deutsche, deren Großeltern in den 1970er Jahren nach Deutschland kamen und die heute schlechter Deutsch sprechen als ihre Großeltern. Nun liegt es für die TAZ zwar auf der Hand, dieses Problem vor allen aus dem Blickwinkel der damaligen katastrophalen Unterkünfte für die Arbeitsemigranten zu analysieren, doch für alle anderen (die CDU-höriger Springer-Presse eingeschlossen) stellt sich viel mehr die Frage: Was nun? Wie kann diesem Trend entgegengewirkt werden. Darüber wird nun diskutiert und dabei handelt es sich sicherlich um ein bedeutsames Problem, das nicht auf die lange Bank geschoben werden kann. Doch der TAZ ist das egal, sie stellt sich, ganz Querulant und Individualist, dieser Diskussion erst gar nicht und beschränkt sich aufs mosern.

Und da ist sie wieder ganz in der Tradition der Linken. Kritisieren ist immer leicht, wenn man sich gleichzeitig weigert, Gegenentwürfe vorzustellen.

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2 Comments:

At 26 August, 2006 22:16, Anonymous Anonym said...

„Wer selbst im Ausland gelebt hat, weiß, wie schwierig es ist, in einem Land zurechtzukommen, in dem man Sprache und Sitten erst erlernen muss und in dem man von jedem als Fremder behandelt wird:“

Als selbst im Ausland "Gelebter", weiß ich, dass das zwar nicht ganz einfach ist, aber ich weiß auch, daß man von selbst auf Menschen zugehen muss. Das Zauberwort heißt Eigeninitiative. Sollte Herr Kortmann vielleicht mal probieren, er würde es nicht mehr missen mögen.

Ferner habe ich mich frmeden Sitten angepaßt. Und nicht z.B. verlangt, daß ab sofort auch Bier an 16jährige ausgeschenkt wird, weil das zur deutschen "Kultur" gehört.

".Einige der größten, allseits bewunderten Kulturleistungen wurden von gesellschaftlich Unangepassten und Desintegrierten vollbracht, die an jedem Ort Exilanten waren. ...Man darf gespannt darauf sein, welche genialen Kunstwerke uns die Parallelgesellschaften noch so bescheren werden."
Sicher. Und einige der größten Kulturleistungen wurden von absolut gottesfürchttigen, gesellschaftlich angepaßten Spießbürger vollbracht. ;)
Was sagt uns dieser Satz: Für jede verrückte These läßt sich ein Beispiel finden, das diese bestätigt.

Wobei Herr Kortmann ja wenigstens mal hätte umreißen können, was er unter "Kulturleistung" versteht. Falls damit hochtrabend intelellelektuelle, literarische Werke über das dunkle Wesen Mensch, etwa im Stile des grassen Günther oder der Jeli-Friede, gemeint sein sollten: Schön zur Muse, bringt aber leider keinen Arbeitsplatz mehr noch kommt mehr Geld in die Staatskasse.

 
At 04 September, 2006 00:43, Anonymous toni weiler said...

es ist wahr.
als linker aus der 70-gerzeit muß ich es sagen.
wir haben uns alles mögliche vorgemacht,nur nicht versucht,zu verstehen.
wir sind kinder unserer eltern und sind genauso schwach(gewesen?).
ich wäre damals auch dabei gewesen und liebe uniformen und marschmusik und ich glaube,ganz viele meiner alten genossen haben auch solche verborgenen verbotenen ecken.
egal,wir müßen auch hier leben und wissen,daß damals die ausländer(zuerst die ittacker)ganz schlecht behandelt wurden und es wurde nicht wirklich besser von der inneren einstellung her,essen gehen bei mario ist eben ausschluss und nicht einschluss,
von der einstellung her sind wir eben wirklich abwehrend gegen fremde,wie alle anderen menschen auch.
aber durch unsere zentrale stellung in der welt haben wir eine verantwortung für die anderen und haben auch die voraussetzung zum gelingen, unser deutsches gemüt, das eben zum massenmörder werden kann, aber ebenso gewaltig zum angenehmen umschlagen kann.
an alle volksdeutschen : seid nett zu den andern,kümmert euch darum,was in eurer nachbarschaft abgeht und tretet normverletzern auch mal auf die füße.
toni,mainz

 

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