Dienstag, August 08, 2006

„Nicht durcheinander kommen“

Ein sehr guter Artikel aus der Haaretz. Man beachte bitte besonders die ersten Absätze, die den kleinen Unterschied in der Kriegsführung der Konfliktparteien verdeutlichen.

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Kommentar von Nadav Shragai, Haaretz.com, 2.8.2006.

Nathan Alterman, der viel über die Reinheit der Waffe schrieb, überlegte sich einst, welches Denkmal die drei israelischen Soldaten Hanan Samnun, Yossi Kaplan und Boaz Sasson erhalten sollten. Sie kamen bei einer Verfolgungsjagd ums Leben, weil sie davor zurückschreckten, eine stillende Frau am Eingang einer Höhle, im Jordantal anzugreifen, hinter der sich Terroristen versteckten: Sollte es eines der üblichen Denkmäler werden, so eines wie es überall in Israel zur Erinnerung an die gefallenen Soldaten zu sehen ist? Oder sollte das Denkmal eine Mutter mit einem Säugling an der Brust zeigen? Denn die drei Soldaten hatten mit ihrem Tod das Leben der Mutter und des Kindes erkauft.

Auch heute hält der Gegner Kinder in der einen Hand und schießt mit der zweiten auf israelische Zivilisten und Soldaten. Und die Welt wiegt mit einer falsch geeichten Waage die Moral Israels. Vor 40 Jahren, nach dem Tod der drei israelischen Soldaten, beschrieb Alterman den Unterschied zwischen uns und ihnen: „Auch wenn wir unsere Vorstellung bis an die Grenze strapazieren, können wir uns nicht ausmalen, dass bei jener Verfolgung das Gegenteil möglich gewesen wäre. Mit anderen Worten, eine Situation, in der israelische Soldaten sich hinter jüdischen Frauen und Kindern verstecken und eine stillende jüdische Mutter als Tarnung benutzen, um sich vor Fatah-Leuten zu verbergen. Israelische Soldaten könnten so etwas nicht tun – selbst wenn wir von allen anderen Gründen absehen - schon allein aus dem einfachen Grund, dass eine jüdische Frau mit einem Säugling im Arm kein „Abschreckungsgrund“ für arabische Kämpfer ist“.

Verändert hat sich seit den Tagen Altermans, dass die Zivilbevölkerung nicht nur keinen Abschreckungsgrund für die Hisbollah-Milizen und für den palästinensischen Terrorismus darstellt, sondern vielmehr das fast ausschließliche Ziel der Terrororganisationen geworden ist. Die israelische Armee hingegen hat Soldaten in Bint Dschbeil aufgegeben und sah von massiven, „aufweichenden“ Luftangriffen ab, um die Tötung von Zivilisten zu vermeiden. Bei den tragischen Ereignissen von Kfar Qana hat die Hisbollah mit purer Absicht im Herzen der Bevölkerung ihr Lager errichtet und bewusst die Bedingungen geschaffen, die zum Unglück führten.

Wir dürfen nicht durcheinander kommen: wir dürfen der Welt und uns selbst und insbesondere den arabischen Staatsbürgern Israels nicht zugestehen, dass die Dinge verdreht werden. Die Hisbollah, ebenso wie der palästinensische Terror, greifen böswillig Frauen und Kinder an, und zwar mit Methode. Wir tun das selten, und aus Versehen. Man muss diese Dinge aussprechen, gerade weil Dinge, die so selbstverständlich sind, gern in Vergessenheit geraten.

Dieser Krieg muss mit einem Sieg und mit der Entwaffnung der Hisbollah enden, sei es durch uns, sei es durch andere. Das ist die Linie, die Sieg und verpasste Chance trennt. Olmert weiß sehr gut, dass alles andere nur die Ausgangsposition für den nächsten Konflikt mit der Hisbollah vorzeichnet. Deshalb besteht er zu Recht auf einer Fortsetzung der Kämpfe. Man muss ihn unterstützen, den Druck von innen und von außen und die Forderung nach einer sofortigen Feuerpause abzuwehren.

Der Ministerpräsident verdient auch Unterstützung bei dem von ihm eingeschlagenen Weg hinsichtlich der entführten Soldaten. Die politische Führung muss mit kühlem Kopf Gewinn und Verlust gegeneinander abwägen, auch wenn die Waage, auf der gewogen wird, eine grausame ist. So wurde beschlossen, in der ersten Phase der Kämpfe auf massiven Einsatz von Bodentruppen zu verzichten, um der israelischen Armee starke Verluste zu ersparen. Ebenso verhält sich Olmert auch in der Frage der Entführten. Es ist nicht leicht, diese Worte zu schreiben. Wie glücklich wären wir, wenn die entführten Soldaten schnell und unversehrt nach Hause zurückkehrten. Aber die eindeutige Haltung, an der Olmert nach wie vor festhält, seine Ablehnung, Terroristen im Austausch für die entführten Soldaten freizulassen, ist sehr gut verankert in der blutigen Realität. Vierzehn der großen Anschläge der vergangenen Jahre wurden von Terroristen verübt, die aus der Haft entlassen wurden. Viele weitere Anschläge wurden durch freigelassene Terroristen organisiert.

Gegenüber den Familien der entführten Soldaten muss diese Haltung eine innere Zerreißprobe für den Ministerpräsidenten sein, doch er muss daran festhalten und die Zahlen im Kopf behalten. Das israelische Vorgehen in früheren Entführungsfällen muss als Warnsignal, nicht als Präzedenzfall gedeutet werden. So wie dieser Krieg auf andere Art und Weise beendet werden muss, müssen wir auch versuchen, die entführten Soldaten diesmal auf andere Art und Weise und zu einem anderen Preis zu befreien. Wenn auch dieses Mal die Rechnungen von „hier und jetzt“ zu stark gewichtet werden, dann wird der Blutzoll in der nächsten Runde nur umso größer.

Nadav Shragai, Haaretz.com, 2.8.2006