Donnerstag, September 14, 2006

Bahnhöfe, Züge und Fernsehprogramme


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Berlin hat einen neuen Bahnhof. Aber nicht irgendeinen, nein, einen Hauptbahnhof! Solange er gebaut wurde, sprachen alle nur herablassend von ihm. Jetzt ist er fertig und die Berliner haben sich mit ihm arrangiert. Die Kritik ist verstummt, niemand setzt sich mehr für den Zoologischen Garten ein, der als großer Verlierer dieses Bahnhofszuwachses anzusehen ist. Hörten Ankommende in Berlin doch bisher meist „Willkommen in Berlin Zoologischer Garten“, wenn sie die Hauptstadt erreichten. Nun ja, die Loyalität mit ihm endete ziemlich genau mit dem Tag der Eröffnung des Berliner Hauptbahnhofes. Dieser befindet sich nur wenige Meter vom Regierungsviertel entfernt. Angela Merkel will hin und wieder mittags rüberkommen zum McDonalds. Er ist mehrstöckig, sauber, groß und licht durchflutet. In vielerlei Hinsicht das Gegenteil des Zoologischen Gartens. Außerdem können Lebensmüde hier ihre Show abziehen, ohne dadurch gleich den Fahrplan durcheinander zu bringen. Anders als beim bisherigen "Hauptbahnhof" bieten sich Alternativen zum Körper-kollidiert-mit-Zug Klassiker. Die Höhe der Stockwerke macht’s möglich.
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Was sich aber trotz des "modernsten Bahnhofs Europas" nicht geändert hat, sind die kleineren und größeren Strapazen einer Bahnfahrt. Neuerdings besitzen ICEs neben den Möglichkeiten aus mehreren Radioprogrammen zu wählen, auch Miniatur-Fernseher. Winzige Quadrate, die in die Sitzrücken eingelassen sind. Es gibt zwei Knöpfe, auf denen Ein und Aus steht, darunter folgen ebenfalls pärchenweiße Lautstärken- und Helligkeitsregulierer. Sieht ja alles ganz spannend aus, das Problem ist nur, dass diese Fernseher, die eher wie etwas zu groß geratene Briefmarken aussehen, sich konsequent weigern, irgendeine Art von Aktivität zu beginnen. Da kann noch solange auf die Knöpfe gedrückt werden, mehr als die Illusion eines Fernsehprogramms gesteht die BahnAG den Reisenden nicht zu.
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Ist vielleicht aber auch besser so. Vielleicht wird man sich noch zurücksehnen in die gute alte Zeit, in der diese kleinen Bildschirme noch unnahbar blieben, wenn man ihre Knöpfe bedrängte. Wenn sie dereinst zum Leben erwachen, dürfte sich die Programmauswahl auf die „schönsten Zugfahrten der Welt“ beschränken, bei denen man sich zwischen dem Blick aus einer Lok in Indien, Sibirien oder Südafrika entscheiden darf. Durch die Steppe in Echtzeit. Während einer langweiligen Zugfahrt eine langweilige Zugfahrt im Fernsehen schauen - wie dekadent!