Montag, September 04, 2006

Das Wirtshaus am Stephansdom


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(Eine Kurzgeschichte)

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Hungrig streifte Jonathan durch die Seitengassen Wiens. Im Schatten des Stephansdoms suchte er eine passende Gastronomie. Asiatische Restaurants blieben unbedacht zurück, auch ungarische Küche wurde gemieden, ebenso mehrerer Dönerbuden. Die wenigen Gaststätten, die in Frage kamen, schreckten durch ihre Preisliste ab und so kam es, dass plötzlich nur noch eine unscheinbare Querstraße übrig blieb, ehe die mühsame Suche wieder von vorne hätte beginnen müssen. Und tatsächlich fand sich dort versteckt zwischen Friseursalon und Apotheke eine Wirtschaft. Über der Tür hing ein Schild und drohte mit "uriger und geselliger Atmosphäre". Hier wurde deutsche Küche angeboten, Hunger sowie Zeitmangel veranlassten Jonathan hier einzukehren.

Ein dunkler Flur führte in das Innere und als sich die Augen an das gedämmte Licht gewöhnten, fiel ihm eine Bedienung auf, die gerade in den hinteren Teil der Wirtschaft verschwand, in Händen ein Tablett und am Körper Lederhose, Hosenträger und Tirolerhut. Aus versteckten Radios erklang Volksmusik und die Köpfe gefallener Hirsche starrten von den Wänden herab. Plötzlich legt sich ein Arm um Jonathans Schulter und aus dem dazugehörigen, ebenfalls in Trachtenkleidung gehüllten Mann fragt es heraus, „Na, ein Landsmann?“

Nach einiger Irritation verstand Jonathan, was er meinte. „Ja“, gestand er mit Unbehagen, dann wurde ihm ein Platz zugewiesen. Der Speisesaal war vollständig mit Holz ausgestaltet, die Tische stabile Eiche, die Stühle ebenso und überdimensionale Bierfässer bilden den Überbau der Tischreihen. Bilder von Gebirgs-Heidis und ihren Schafs-Gustavs erinnerten mit Penetranz an die Lebendigkeit des fölkischen Kitsches. Lampen hingen von der Decke und überzogen den Raum mit einer matten Schicht gelber Farbe.

Im Hintergrund marschierten die beiden Bedienungen hin und wieder vorüber, mit festem Schritt und klarem Ziel. Weintrauben schlängelten sich um die Türrahmen des Raumes und auf unzähligen ausgestellten Bierkrügen fanden sind die Grundtugenden deutscher Gemütlichkeit verewigt: Trinkfreudigkeit, Geselligkeit und Männlichkeit. Frauen dienten dabei höchstens als Dekoration und fanden nur als notwendiger Beweis der Heterosexualität des germanischen Feierfreudigen Eingang in die Bierkrugwelt.

Nach einigen Minuten näherten sich die eine Bedienung, ein hagerer etwas untersetzter Mann und nahm die Bestellung auf: Schnitzel und Apfelsaftschorle. Er machte den Eindruck, als könne er sich bei der Tour-de-France die Berge hinaufquälen und dabei noch Lust empfinden. Den dafür nötigen Schweiß produzierte er schon jetzt, er blieb Jonathan noch erhalten, als sein Erzeuger längst davon eilte, um einen weiteren Gast zu begrüßen.

Bei diesem handelte es sich um einen leicht korpulenten Herren, Mitte fünfzig, dessen ganze Eitelkeit sich in der Pflege eines Schnurbartes erschöpfte. Weswegen ihm sein geöffneter Hoseschlitz nicht auffiel. Er kam alleine und suchte doch Gesellschaft, darum gab er den ihm zugewiesenen Platz bald auf, um sich zu dem einzigen weiteren Gast zu setzen. Er kam mit etwas schwerfälligen Schritten herüber. „Grüß Gott!“, brummte es. „Hallo“, entgegnete Jonathan. Seine massige Gestalt warf Schatten und verdunkelte Jonathans Riesenbierfass. „Wo kommen sie her?“, fragte der ältere Mann.
„Aus Mainz“.
„Mainz, wie ist es da so?“,
„Ganz nett, es ist ein kleine Stadt, hat seine schönen Seiten, aber auch…“,
„Viele Ausländer?“ unterbrach der Mann Jonathans Beschreibungen.
„Was?“
„Ob es in Mainz viele Ausländer gibt, in Berlin ist das ganz schlimm!“.
„Ähh, ja es gibt viele Ausländer.“
„Schlimm,“ wiederholte der gepflegte Schnurbart sich selber, „wirklich schlimm, oder?“
Jonathan blieb stumm, teils aus Überraschung, teils, weil die beiden Bedienungen gerade im Eingangsbereich eine soeben eingetroffene knapp einen Meter fünfzig hohe Germaniastatue auspackten und neben die Garderobe stellten.
„Ich darf doch?“, unterbrach die ungebetene Essbekanntschaft und spielte mit einer Zigarre in ihren Händen, die allerdings schon brannte. Das Zimmer versank unter einem Grauschleier.

Nach einer halben Stunde wurde aufgetischt. Beide Trachtenträger kamen herbei, der eine trug Jonathans Menü, der andere das für seinen Gegenüber. Saumagen, Weißwurst und Bier. Sichtlich erfreut reagierte er auf die Nachricht der eingetroffenen Germania. Jonathans Schnitzel war riesig und schmeckte gut, zumindest das musste diesen Folkloristen zuerkannt werden. Allerdings schien irgendetwas an der Form des Schnitzels nicht zu stimmen, es sah nicht rundliche aus, wie ein gewöhnliches, sonder wirkte an den Rändern zerrissen, an einigen Stellen ragten einzelne panierte Fleischarme heraus und rechts neben dem Hauptschnitzeln lag noch ein kleineres. Die Pommes lagen beinahe militärisch korrekt nebeneinander auf dem Teller und der Apfelsaftschorle wurde in einem Glas serviert, auf dem eine mächtige Eiche gen Himmel ragte. „Zum Wohl!“, prostete der Schnurrbartträger. Einige Minuten erholsamer Ruhe setzten nun ein, nur unterbrochen vom dezenten Schmatzen des Gegenübers und dessen mehrmaligen Aufforderungen an die Bedienung, Bier nachzuschenken.

Plötzlich bemerkte er, wie sich Jonathans Gesicht leicht verzerrte. „Was ist los mein Freund?“ brummte er besorgt. Jonathan wollte keine Aufregung verursachen und antwortete „Das kleine Schnitzel ist etwas kalt, aber egal, ich bin eh…“, weiter kam er nicht, ehe der Mittfünfziger durch die Wirtschaft brüllte.
„Franz, Schlesien ist kalt!“ Die Bedienung kam sofort herbeigeeilt.
„Franz, mein junger Freund sagt, das Schlesien kalt ist! Was soll das, so etwas bin ich von euch nicht gewohnt!“ Sichtlich von diesem Tadel getroffen, griff die Bedienung, bei der es sich dem Geruch nach um den ambitionierten Fahrradfahrer handelte, nach dem kalten Fleischstück und entfernte sich mit dem Versprechen, sogleich ein anderes zu bringen.
„Warum Schlesien?“, fragte Jonathan, als sie wieder alleine zurückblieben.
„Na ja, was meinst du denn, welches Reichsgebiet denn sonst damit gemeint sein sollte? Danzig?“, der Mann lachte über seinen Scherz.

Langsam begann Jonathan zu begreifen, welches Weltbild er soeben verspeist hatte.
„Ach so, ich verstehe.“
„Junge, mir scheint es, als ob du noch nicht oft hier warst.“
„Heute zum ersten Mal.“
Trotz seines angetrunkenen Zustandes schlich sich nun ein leises Misstrauen in das Gesicht des Tischältesten.
„Aber du bist doch Teil des… Vereins? Du bist doch Deutscher oder? Wie heißt du?“
„Jonathan!“
„Freut mich Jonathan, ich bin der Franz.“
Ein heißes Schlesien landete nun auf dem Teller, doch nachdem Jonathan schon beinahe das ganze Großdeutsche Reich im Magen lag, ließ er das Ostgebiet unberührt liegen. Stattdessen lauschte er dem Franz, wie der, angefeuert durch den Bierkonsum, politisch wurde.
„Wir sind noch wenige, aber die Bewegung wächst. Die Leute merken, dass es so nicht weitergehen kann. Schau dich auf der Straße um, nur Ausländer. Das ist die Rache von denen.“
„Von wem?“
„Von den Juden, weil wir ihnen die Macht über unser Volk entrissen haben! Als Rache erfanden sie die EU, um uns mit Ausländern zu überschwemmen. Sie wollen uns zur Minderheit im eigenen Land machen. Asiaten, Moslems und Juden, und hin und wieder ein Deutscher, so sieht es doch momentan aus.“
Donnernd krachte seine Faust auf den stabilen Holztisch.
„Ich bin kein Nazi, aber Nationalist, ja das bin ich. Die besitzen kein Gefühl für Heimatverbundenheit, darum wollen sie es uns kaputt machen, du verstehst?“
„Nein.“
„Nehmen wir als Beispiel deinen Apfelsaftschorle. Sicherlich ist er mit 4,50 Euro teurer als anderswo, aber dafür wird für ihn nur Wasser aus der Memel verwendet, der Wirt kennt da nen Händler…“
„Ich trink Wasser aus der Memel?“
„Heimatwasser!“
„Und wo werden die Äpfel gepflügt?“
„Die sind vom Penny – Markt.“

Ehe er noch weitere Ansichten zum Besten geben konnte, öffnete sich die Tür der Wirtschaft, es traten zwei weitere Männer ein und setzten sich dazu. Beide wohl auch Mitte fünfzig. Franz stellte ihnen Jonathan vor und in ihren Augen erglühte die Hoffnung von neuem, es tatsächlich schaffen zu können. Ehe sie Jonathan über seine Meinung zur Asylpolitik befragen konnten, signalisierte dieser der Bedienung seinen Zahlungswillen. Sie kam herbei geeilt und rechnete durch. „Das macht dann neunzehn Euro achtzig, in Reichsmark wären das…“, er rechnete angestrengt, ehe Jonathan ihn unterbrach.
„Ist schon gut, ich hab heut eh nur Euro bei mir. So, ich zahl genau 19,80 Euro!“
Etwas irritiert fragte die Bedienung unter den überraschten Blicken der drei Gäste nach. „Keine Spende für die Bewegung?“
„Nein, keine Spende.“ Zerknirscht gab er 20 Cent zurück, ehe Jonathan wortlos ging. Ein protestierendes „Jude!“ folgte ihm nach, ehe sich die Eingangstüre hinter ihm schloss und die Wirklichkeit ihn wieder hatte. Satt geworden war er aber trotzdem.

9 Comments:

At 04 September, 2006 23:00, Anonymous Wolfram said...

Großer Gott, wo warst Du denn da?
Ich hoffe nicht beim Figelmüller.

 
At 04 September, 2006 23:26, Blogger Fuchsbau said...

Nee, die tatsächliche Gaststätte war ja nur soetwas wie eine Inspirationsquelle und bis auf die Beschreibung der Inneneinrichtung hat sich dort auch nichts so abgespielt wie es in der Geschichte steht. Aber wenn ich nen Film über so ne Nazibande und ihre Gaststätte drehen würde, wäre das mein Drehort.

 
At 04 September, 2006 23:32, Blogger Fuchsbau said...

Hab aber gerade die Vorbemerkung entfernt, sonst wird der Text vielleicht falsch verstanden. Ist ja nicht autobiografisch.

 
At 04 September, 2006 23:35, Anonymous Wolfram said...

Den hättest Du beim Figelmüller mit Sicherheit. So einen Laden habe ich noch nie gesehen.

 
At 04 September, 2006 23:43, Blogger Fuchsbau said...

Figelmüller, wo befindet der sich denn? für die nächste reise nach wien;-)

 
At 05 September, 2006 09:09, Anonymous Anonym said...

Köstlich...Schnitzel, Gemüüüütlichkeit, Heimattreue!
Eine tolle Geschichte.

 
At 05 September, 2006 11:25, Anonymous Anonym said...

Mein Lieblingssatz:

"Ein heißes Schlesien landete nun auf dem Teller, doch nachdem Jonathan schon beinahe das ganze Großdeutsche Reich im Magen lag, ließ er das Ostgebiet unberührt liegen."

Origineller und witziger Text, Gratulation!

 
At 05 September, 2006 20:30, Anonymous Wolfram said...

Hallo Gideon,

das Figlmüller liegt im 1ten Wiener Bezirk, einmal in der Bäckerstraße, dann noch eins in der Wollzeile (da war ich) und dann draußen in Grinzing 19ter Bezirk.
Ich habe ein Jahr in Österreich gewohnt und gearbeitet und mich natürlich breit schlagen lassen, dort ein Schnitzel zu essen. Grauenvolle Atmosphäre, ein grauenvoller Kellner, dem man auch noch Schmäh nachsagt :-(( und Preise vom feinsten, das waren damals für zwei Schnitzel und zwei Obi (Apfelschorle) locker 40 DM.
Ok die Schnitzel waren prima, aber ein Arbeitskollege hat nur mit dem Kopf geschüttelt und ist wortlos gegangen. Eine Kollegin raunte mir dann zu, "Nächstemal fahrst noh Grinzing, is eh leiwander un' urlässig is eh."

Viele Grüße
Wolfram

Ps.: Falls Du noch fährst gebe ich gerne Insidertips.

 
At 05 September, 2006 22:29, Anonymous Anonym said...

Ich empfehle Nussdorf!

 

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