Donnerstag, September 21, 2006

Interview mit Abdelwahab Meddeb


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Ein gutes Interview zum Islam, seine aktuelle Gewalttätigkeit und die verschütteten pluralistischen Traditionen.
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DIE ZEIT: Herr Meddeb, warum war im Mittelalter ein friedlicher Meinungsstreit zwischen Christen und Muslimen möglich, während heute die bloße Erinnerung an diese Zeiten zum Aufruhr führt?
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Abdelwahab Meddeb: Weil damals in der islamischen Welt eine große hochgebildete Oberschicht lebte, die den Disput förderte. Während des gesamten Mittelalters gab es in den Metropolen wie Bagdad berühmte literarische Salons, die von mäzenatischen Patriziern und Kaufleuten unterhalten wurden und die kein anderes Ziel hatten, als Christen, Juden und diverse Sekten, die in Glaubensfragen überhaupt nicht einer Meinung waren, zusammenzubringen. Der Papst irrt, wenn er von einer einzigen islamischen Doktrin spricht, denn es gab viele, über die immer wieder offen gestritten wurde. In Tunis, der Kapitale des Maghreb, hatte der Sultan fortschrittliche Theologen ausdrücklich unter den Schutz der Meinungsfreiheit gestellt und gegen Angriffe aus dem Volk verteidigt. Natürlich war die Mehrheit der einfachen Muslime ungebildet und kaum bereit, sich von der Kraft der Logik und der Argumente überzeugen zu lassen, wie es sich die Intellektuellen wünschten. Heute haben wir vergleichbare muslimische Massen, aber kaum mehr die gebildete Elite, die den Diskurs anführt.
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1 Comments:

At 22 September, 2006 12:33, Anonymous Leserin said...

interessant, ja, danke für den Tipp. Verstanden habe ich nur nicht: was meint Hr. Meddeb mit "innerer Andersheit" ("Islam als Repräsentanten einer inneren Andersheit")?? Kann ich mir nichts drunter vorstellen. Viele Grüße!

 

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