Mittwoch, September 06, 2006

Jüdische Gespräche 2006


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Die Zionistische Organisation Frankfurt veranstaltete heute Abend in ihrer Reihe „Jüdische Gespräche“ eine Podiumsdiskussion zum Thema: die Darstellung der israelisch-arabischen Konflikts in den Medien. Eingeladen waren Sacha Stawski von Honestly Concerned, der WDR Intendant Fritz Pleitgen, der Herausgeber der FAZ Günther Nonnenmacher und Salomon Korn vom Zentralrat der Juden.

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Was eine interessante Veranstaltung hätte werden können, blieb letztlich ein langweiliges Abtasten, ohne dass es zu einer tatsächlichen Konfrontation kam.

Zu Beginn durfte jeder seine Sicht der Dinge präsentieren.

Pleitgen fing an und schaffte es auch gleich, sich richtig zu blamieren, als er schon nach wenigen Sätzen die Thora zitierte, (so wie er vor mehrheitlich christlichen Zuhörern sicher auch immer zuerst seine liebste Jesus-Anekdote zum besten gibt) und feststellte, dass „die Zahl drei für sie “ ja eine besondere Bedeutung habe. Aus Respekt davor gliederte er dann sein Statement auch in drei Teile. Danke! Mehr Kompromisse wollte er an diesem Abend aber nicht eingehen. Er wies jeden Verdacht weit von sich, dass das WDR während des Libanonkonflikts zuungunsten Israels berichtet hätte. Im Gegenteil, einer internen Auswertung nach hätte es sogar mehr Interviews mit Korrespondenten in Israel gegeben, als mit denen in arabischen Staaten. Außerdem berief er sich auf Richard C. Schneider, der angegeben hätte, dass die Berichte nicht unausgewogen wären.

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Als nächstes brachte Korn seinen Standpunkt vor. Für ihn war das praktische fehlen von Hisbollahkämpfern in Zeitungen und Fernsehen besonders bedauerlich. Außerdem würden Ursache und Wirkung verwechselt, wenn die Nachrichten zuerst über die Schäden im Libanon informieren würden. Er widersprach Pleitgen, was die Fairness gegenüber Israel angeht und nannte seinerseits Zahlen. Als Quelle diente dabei das umstrittene Forschungsinstitut Media Tenor. Die Bild-Zeitung beauftragte dieses vor einigen Wochen damit, zu untersuchen, wie über den Konflikt berichtet wird und die Ergebnisse sprachen ARD und ZDF genau die Art Ausgewogenheit ab, die Herr Pleitgen zuvor noch für seinen Sender reklamierte.

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Der FAZ Herausgeber Nonnenmacher widersprach wiederum Korn und solidarisierte sich sofort mit dem Kollegen vom TV. Eine krisenfreie Koalition, die den gesamten Abend über bestand haben sollte. Auch seine Zeitung könne sich keine Verfehlungen vorwerfen lassen. Weil diese Feststellung zu Beginn seines Redebeitrages getroffen wurde, arbeitete er sich danach an einigen nichts sagenden Anmerkungen und Phrasen („Hass erzeugt Gegenhass“) über die Wichtigkeit von Ausgewogenheit in der Berichterstattung ab, ohne inhaltlich noch etwas zum Thema beizusteuern.

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Als letztes kam Stawski an die Reihe. Per Powerpointpräsentation dokumentierte er einige besonders extreme Überschriften aus deutschen Zeitungen. Etwa „Israel greif an zwei Fronten an“, wenn Israel sich gegen zwei Angriffe auf sein Staatsgebiet verteidigt, oder „Was macht dieses Land so aggressiv“, wenn Terrororganisationen dem jüdischen Staat Mal wieder das Existenzrecht streitig machen, israelische Soldaten verschleppen und tausende Raketen auf den Feind schießen.

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Im Anschluss daran nahmen Pleitgen und Nonnemacher erstmals Stellung zu den Vorwürfen. Anstatt sich nun zu der Kritik der Einseitigkeit in der Berichterstattung zu äußern, wiesen sie ihrerseits auf die Einseitigkeit von Honestly Concerned hin und dass diese Organisation ja nur besonders negative Darstellungen über Israel präsentieren würde. Zwar hatten sie damit im Grunde Recht, nur, genau darin besteht Sinn und Zweck von Honestly Concerned.

Leider zeigte sich aber schon an diesem Punkt der Veranstaltung, dass es wohl zu keiner kontroversen Diskussion kommen würde. Als Pleitgen sich dann auch noch weigerte, auf eine Analyse einzugehen, die von Media Tenor erstellt wurde, gab es dagegen keine Einwände. Womit Salomon Korn plötzlich seiner Daten beraubt war und man sich fragte, warum er sich zuvor überhaupt auf die Zahlen dieses Unternehmens berufen hatte, wenn er offenbar auch fand, dass deren Arbeitsmethoden unseriös seien.

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Sowohl die schreibenden als auch die filmenden Medien verwahrten sich auch im weiteren Diskussionsverlauf gegen jede Kritik. Außerdem ließen sie mehrmals das Wunschdenken durchblicken, das auch Pate stehen muss, wenn man aus einem Fetzen beschriebenen Papiers eine indirekte Anerkennung Israels durch die Hamas herauslesen will. So behauptete Nonnemacher, dass sowohl Araber als auch Juden Frieden wollen. Was schlicht falsch ist. Denn, wäre dies so, gäbe es längst Frieden. An Israel würde es nicht scheitern. Die Realität sieht aber doch anders aus. Außerdem gab der FAZ Herausgeber auf die Kritik, dass die Hisbollah die Medien benutze und Fotos manipuliere, zu bedenken, dass auch die Journalisten in Israel von den Behörden betreut werden.

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Stawski und Korn gelang es nicht, die beiden einflussreichen Medienvertreter zu irgendeiner Art von Selbstkritik zu bewegen. Und das schlimmste dabei ist, dass sie es offenbar auch nicht ernstlich versuchten. Sie wirkten, ebenso wie Moderator Rene Pollack zaghaft und vorsichtig. Als ob man die Gäste nicht reizen wollte, die doch so freundlich waren, mehrmals zu betonen, das Israels Existenzrecht absolut unantastbar sei. (Und wenn jemand so etwas sagt, ist es höchste Zeit sich Sorgen zu machen.) Stawski verließ sich primär auf überlegene Powerpointmacht und scheiterte damit ähnlich wie die IDF mit ihrem Versuch, durch Luftschläge alleine den Gegner zu bezwingen. Korn wiederum wirkte eher wie ein CO-Moderator und nicht wie ein Diskutant.

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Es ist wirklich bedauerlich, dass die beiden nicht energisch auf die Fehler in der Berichterstattung eingingen und die Gäste mit diesen konfrontierten. Dabei hätte es nur weniger Fragen bedurft, um die Selbstgerechtigkeit von Pleitgen und Nonnemacher etwas ins Wanken zu bringen. Etwa die ganz simple, warum es denn bei dieser so vorbildlichen Arbeit von Zeitungen und Fernsehen sein kann, dass Israels Image in Deutschland so mies ist?

Salomon Korn formulierte zwar noch einige kluge Sätze, als er sagte, dass das gespannte Verhältnis der EU zu Israel vielleicht darin begründet sei, das Israel der EU vor Augen führt, wie es sich gegenüber äußeren Bedrohungen eigentlich Verhalten sollte. Nämlich nicht mit der Aufgabe fundamentaler Grundwerte, wie es im Falle des Karikaturenstreits geschah, sondern mit Gegenwehr und einem entschiedenen Eintreten für Demokratie, Freiheit und die Menschenrechte.

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Letztlich blieb dieser Abend aber weit hinter den Erwartungen zurück, da die Veranstalter offenbar so stolz auf ihre Gäste waren, dass sie diesen nicht in Verlegenheiten bringen wollten. Was ja grundsätzlich sehr höflich ist, aber in diesem Fall völlig unangebracht war. Nachdem noch mehrere Zuschauer ihre Meinungen sagen durften und sich dabei vor allen über die Gleichmacherei zwischen Terrororganisationen wie Hamas und Hisbollah mit der Demokratie Israel beschwerten, endete diese Podiumsdiskussion schließlich. Nonnemacher und Pleitgen sahen sich nicht ein einziges Mal zu Selbstkritik in Bezug auf die Nahostberichterstattung veranlasst und nichts verdeutlicht überzeugender, wie enttäuschend „Die Jüdischen Gespräche 2006“ letztlich waren. Zukünftig also bitte etwas mehr Streitkultur und weniger Harmoniesucht.

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Ein weiterer Artikel zu dieser Veranstaltung findet sich hier.

5 Comments:

At 07 September, 2006 10:36, Anonymous Leserin said...

Das ist ja lustig, ich habe von der Veranstaltung auch gehört und bin spontan hingefahren, s. Bericht in meinem Blog.

„Stawski und Korn gelang es nicht, die beiden einflussreichen Medienvertreter zu irgendeiner Art von Selbstkritik zu bewegen.“
Nun ja, da wäre ich mir gar nicht so sicher, denn was die Leute denken, wenn sie alleine sind, wissen wir ja nicht. Es war doch eigentlich von vorneherein klar, dass bestimmt 95% der Zuschauer und 3/5 des Podiums der Meinung waren, die Berichterstattung wäre einseitig verlaufen. Als Vertreter der Medien waren nur Hr. Pleitgen und Dr. Nonnenmacher anwesend, was ja quasi automatisch zu einer defensiven Stellungnahme führt. Man kann doch nicht erwarten, dass Hr. Pleitgen vor versammelter Mannschaft sagt (war eigentlich Presse anwesend?): „stimmt, Asche auf mein Haupt, wir waren etwas einseitig!“

Mein Fazit zur Veranstaltung ist, dass man das Thema anders hätte angehen müssen und viel mehr Zeit hätte haben müssen. Ich hätte einfach zu gerne noch viele, viele Fragen und Statements aus dem Publikum gehört! Da waren Schätze vorhanden, die nicht gehoben wurden! Mein Eindruck war: hier waren potentiell alle und alles vorhanden, was die Diskussion brilliant hätte werden lassen können, reif für eine 20:30 Sendung in einem der Hauptfernsehsender, aber v.a. auf Grund Zeitmangel und weil das Thema von der Umsetzung her falsch angegangen wurde, blieb die Diskussion eigentlich schon im Keim stecken. Schade, schade, schade! Ich habs trotzdem nicht bereut, dabei gewesen zu sein. Den besten Eindruck hatte ich insgesamt von Dr. Korn und Dr. Nonnenmacher, war wirklich v.a. von Dr. Korn sehr positiv beeindruckt, ich fand, dass er, wie Sie auch sagen, einige wirklich kluge Sätze sehr umsichtig formulierte. Dr. Nonnenmacher wirkte weniger so, als sei im insgesamt ungemütlich zu mute, er brachte auch einige mit Engagement vorgebrachte Argumente, die ich recht überzeugend fand („Eine Überschrift ist eine Überschrift ist eine Überschrift...“) Vielleicht wäre es hilfreich gewesen, daneben auch weniger ‚hochkarätige‘ Leute im Podium teilnehmen zu lassen, die gewissermaßen die Disussion ein wenig aufmischen, anheizen hätten können (Hr. Stawskis ppt-show war da schon ganz OK, aber das Diskussionsfeuer konnte nicht so recht entfacht wegen der (logischen) Defensivstellung von Hr. Pleitgen und Dr. Nonnenmacher)

Viele Grüße!

 
At 07 September, 2006 11:06, Blogger Fuchsbau said...

@ leserin

Ich hatte schon ein bisschen den Eindruck, als ob Korn die Quadratur des Kreises versuchte. Einerseits sagte er immer wieder, die Nachrichten über den Nahostkonflikt seien vom Informationsgehalt her nicht zu beanstanden, aber die Art der Präsentation wäre zu kritisieren. Was jetzt!

Stawskis Auftritt fand ich persönlich eher schwach. Er hat ja doch vor allen nur irgendwelche Filmchen und Bilder gezeigt und zur Debatte wenig beigetragen. Außerdem fand ich – so wichtig ich die Arbeit von Honestly Concerned auch finde – den Einwand von Nonnemacher schon richtig, als er in Bezug auf die von Stawski präsentiere „antiisraelische“ FAZ-Überschrift „Israel dringt in den Libanon ein“ sagte, dass diese am dritten Konflikttag veröffentlicht wurde, als die Israelis nun Mal in den Libanon eindrangen und man doch nicht jeden Tag und in jeder Überschrift die ganze Komplexität dieser Konfliktes zusammenfassen kann.

Aber wie ich auch im Text geschrieben habe, ich fand Korn und Stawski zu defensiv. Die Berichterstattung krankt doch tatsächlich an einer fehlenden Fairness und Nonnemacher und Pleitgen kamen trotzdem kein einziges Mal in Erklärungsnöte.

Was sie geschrieben haben stimmt, es wäre wohl interessanter geworden, wenn das Publikum mehr Gelegenheit gehabt hätte, sich zu Wort zu melden.

Beste Grüße

PS: Ich habe ihren Artikel gerade verlinkt.

 
At 12 September, 2006 08:04, Blogger peet_g said...

Vielen Dank an euch beide, in den Zeitungen ist dazu viel zu wenig!

 
At 15 Oktober, 2006 21:12, Anonymous Anonym said...

Ein später Kommentar zur Veranstaltung:
Wenn ich die Einlader richtig verstanden habe, dann stand der Termin für das "jüdische Gespräch" mehrere Monate vor dem Krieg der Hisb'allah gegen Israel statt. Die Herren Nonnenmacher und Pleitgen hätten also Zeit gehabt, sich materiell ein wenig vorzubereiten.

Es war in meinen Augen schon ein wenig unter der Würde, wie Herr Nonnenmacher gleich insofern das Thema verfehlte, indem er allgemeine Belehrungen austeilte, über die Unterschiede von Bild- , Ton, und Buchstabenträgern. Wahrscheinlich hätten die "guten alten 68er" bei einer solch verunglückten "Didaktik" oder bei solch einem Ausweichmanöver auf konkrete Fragestellung richtig Randalle gemacht und die ganze Sache als das bezeichnet, was ist war, eine Frechheit. Die Gastgeber hingegen waren höflich, in meinen Augen zu höflich und ließen sich abspeisen von zur Schau getragenen Professionalität.
Auch Fritz Pleitgen war nicht vorbereitet und verließ sich -so mein Eindruck- auf die Gewichtigkeit seiner "öffentlich- rechtlichen Stellung". Wo lieferte er Beispiele für eine ausgewogene Berichterstattung beim WDR oder bei der ARD? Ich selbst hatte an diesem Tag durchaus selbst beim WDR Beiträge gefunden, denen man zumindest den Versuch abspürte, ausgewogen zu sein. Wenn es Herrn Pleitgen wirklich wert gewesen wäre, eine sachliche Diskussion zu führen und in einen echten Dialog zu treten, dann hätte ich erwartet, dass er sich vorbereitet hätte, was sicherlich keine Schwierigkeit gewesen wäre bei den vielen "Mitarbeitern" in seinem Haus, von denen ihm sicher hätte jemand zur Hand gehen können. Aber nichts dergleichen. Anstelle dessen kamem Plattitüden und Flosklen wie: "ich habe schon den Eindruck, dass..." u.s.w. Glaubensbekenntnisse, Beschwichtigungen und Gutzureden eben, die jeden Diskurs sabottieren.
Bei solch schlechter Vorbereitung kommt es dann auch nicht gut Media-Tenor oder die Ausführungen von Herrn Stawsky zu kritisieren und als unseriös zu bezeichnen. Wie man auch dazu stehen mag. Sowohl Media Tenor als auch Herr Stawsky haben sich Arbeit gemacht, Herr Pleitgen brachte überhaupt nichts hervor, gab aber gute Ratschläge, wie man es nicht machen darf. Ein wenig Arroganz hätte man da durchaus rausspüren können. So haben sich die Profis in meinen Augen eher schlecht verkauft. Sie hätten bei einer solchen Gelegenheit besser punkten müssen, was selbst bei von mir nach wie vor unterstellter Faktenlage einer einseitigen Berichterstattung bzgl. Israel dennoch möglich gewesen wär.

So haben beide Medienvertreter auf mich den Eindruck gemacht, dass sie die Veranstaltung nicht richtig ernst genommen haben. Schade.

 
At 16 Oktober, 2006 10:33, Blogger Fuchsbau said...

"So haben beide Medienvertreter auf mich den Eindruck gemacht, dass sie die Veranstaltung nicht richtig ernst genommen haben. Schade."

Diesen Eindruck hatte ich auch! Guter Kommentar.

 

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