Sonntag, Oktober 08, 2006

Kinofilme können auch Gefühle verletzen


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Mir hatte bei der Fußball-WM diese "Gute-Laune-Stimmung um jeden Preis", die alle vereinnahmen wollte und dadurch schon wieder gar nicht mehr locker, sondern ziemlich bürokratisch-bedrohlich wirkte, nicht gefallen. Aber okay, dies kann ja jeder sehen wie er will. Und dass jetzt eine Dokumentation ins Kino kommt, in der noch mal in Spielfilmlänge zu sehen ist, wie die deutsche Mannschaft schlechter abschneidet als bei der vorherigen WM in Japan/Südkorea, kann ich auch noch verkraften. Aber irgendwann ist die Schmerzgrenze dann doch erreicht. Spätestens, wenn für diesen Film der Titel des so klugen wie originellen Heine Werks Deutschland – Ein Wintermärchen missbraucht und zu Deutschland – Ein Sommermärchen umgetextet wird. Autsch, das tut weh!

8 Comments:

At 08 Oktober, 2006 20:19, Anonymous Anonym said...

Ja, vor allem wenn in den „Tagesthemen“ allen Ernstes behauptet wird, es handle sich bei Heines Werk um einen Text mit düstere, trauriger Grundstimmung. Wahrscheinlich folgende beachtliche Transferleistung: Zu Zeiten Heines Deutschland = schlecht ("Denk ich an Deutschland in der Nacht, etc."). Heute WM Deutschland = gut (Fahnenschwenken, Hirnverlust, hupende Autos, etc.). Aus Winter wird Sommer, aus traurig wird fröhlich. So weit haben wir's gebracht! Ziemlich deutlich, dass der zuständige Redakteur Heine nicht gelesen hat. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zum letzten Mal so gelacht habe, wie bei der Lektüre dieses wunderbaren Buches. Und wann war ich jemals weniger gut gelaunt also zu WM-Zeiten?

Gruß,

Johannes

 
At 08 Oktober, 2006 22:31, Anonymous Hamster said...

"Und wann war ich jemals weniger gut gelaunt also zu WM-Zeiten?"

Nicht nur Bassam Tibi beklagt die Miesepetrigkeit der Deutschen und schreibt, dass Deutschland "nach Auschwitz" seine Rolle als Volk der Dichter und Denker verloren hat und nicht mehr identitätsstiftend ist.

Das ist ein beklagenswerter Zustand und wenn mal wieder bei einer Fussball-WM positive nationale Gefühle hochkommen, dann finden sich auch dann noch Kritiker, die - was eigentlich genau? - das kritisieren.

"Fahnenschwenken, ("temporärer" möchte ich hier ergänzen) Hirnverlust und hupende Autos" sind etwas Gutes.

"Antideutsche" Schreibe nervt.

 
At 08 Oktober, 2006 23:26, Anonymous Anonym said...

Ach Hamster. Bleibt für deine Identität denn nichts anderes übrig als die Verbundenheit mit einem so vagen Begriff wie "Nation"? Bevor du mir "antideutsche" Schreibe vorwirfst, bitte ich dich, die Bedeutung von "Deutsch" erst mal zu definieren. Und wenn du dann über ein Bündel von Stereotypen hinauskommst und mir auch noch erklären kannst, was die WM damit zu tun haben soll, bin ich vielleicht bereit, ein schwarz-rot-goldenes Eis zu essen. Jetzt mal ehrlich: Streng genommen ist Heine auch Deutscher gewesen (trotz Vaterlandsfluch) und ich lese ihn sehr gerne, aber sicher nicht deswegen, sondern weil er gut ist. Soll ich Heine lesen, um mich Deutsch zu fühlen? Soll ich Fußball toll finden, weil ich da Fahnen schwenken kann und I-d-e-n-t-i-ä-t empfinden? Sicher nicht. „Nation“ ist ein Begriffsfetisch, in den Bedeutung hineingestopft wird wie in eine leere Kiste. Wenn ich miesepetrig bin, schaue ich mir jedenfalls nicht Mikrozephale wie Poldi oder Schweini beim Eintreten auf eine wehrlose Lederkugel an, sondern tue irgendetwas Sinnvolles: Kümmel spalten, Erbsen zählen oder Heine lesen.

Gruß,

Johannes

PS: Und was Bassam Tibi betrifft: Ich glaube kaum, dass antipolnische Hetze beim Spiel Polen-Deutschland oder die unsäglich niveaulosen Ausfälle gegen Italiener (unter anderem im Freiburger Klo an der Wand: „Italien sind keine Männer aber Gewinner – Ratten!) oder bierseliges Fahnengebrüll das sind, was er mit dem fehlenden „sense of belonging“ gemeint hat. Sicherlich kein Kritikverbot, wo so eklatant gegen die Gesetzte des guten Geschmacks verstoßen wird.

 
At 09 Oktober, 2006 04:23, Anonymous Hamster said...

"Sicher nicht. „Nation“ ist ein Begriffsfetisch, in den Bedeutung hineingestopft wird wie in eine leere Kiste."

Macht mich hellhörig sowas, wie bist Du denn poliltisch positioniert?

 
At 09 Oktober, 2006 07:49, Anonymous Anonym said...

@ Hamster

Auf dem leidigen links-rechts Sprektrum stehe ich stabil in der Mitte. Je nach Sachfrage mehr oder weniger. "Liberal" finde ich einen schönen Ausdruck. Aber wieso? Wo stehts du?

 
At 09 Oktober, 2006 20:44, Anonymous Hamster said...

@Johannes:

Ich versuche Ideologien bestmöglich zu vermeiden, sollte also politisch in der Mitte stehen. Zudem bin ich konservativ. (Nein, nein, nicht "neo"-"irgendwas", sondern "nur" konservativ)

Als Konservativer sehe in den Nationalstaat als etwas Bewährtes, also Gutes, insofern muss ich natürlich gegen "antideutsche" Thesen sein.

"Antideutsch" zu sein finde ich übrigens keinen Deut besser als antisemitisch oder antiamerikanisch zu sein.

 
At 09 Oktober, 2006 22:45, Anonymous Anonym said...

Inzwischen müsstest du verstanden haben, dass ich nicht spezifisch "Antideutsch" eingestellt bin (Im Prinzip nur eine Form von Nationalismus mit negativem Vorzeichen, also albern), sondern Anti-National. Gerade in National-Staaten blühen Ideologien im übrigen ganz besonders üppig, wie die Geschichte gezeigt hat. Mit Adorno (sorry) gesprochen treibt mich eher eine allgemeine "Idiosynkrasie gegen jede Form von kollektiver Identität", die mich bei tosendem Deutschland!-Gebrüll vor Bildschirmen schwer schlucken lässt.

Gruß,

Johannes

PS: Ob man Antisemitismus und Antideutsch vergleichen kann??

 
At 09 Oktober, 2006 23:22, Anonymous Hamster said...

"Inzwischen müsstest du verstanden haben, dass ich nicht spezifisch "Antideutsch" eingestellt bin (Im Prinzip nur eine Form von Nationalismus mit negativem Vorzeichen, also albern), sondern Anti-National."

Gegen positiv verstandenen Nationalismus ist nichts einzuwenden. Demokratische, marktwirtschaftlich orientierte Staaten benötigen ein Zusammenhaltsgefühl, von mir aus soll das auch über den Sport entwickelt werden.

Es ist noch ein paar Generationen zu früh für eine echte Weltregierung.

"Mit Adorno (sorry) gesprochen treibt mich eher eine allgemeine "Idiosynkrasie gegen jede Form von kollektiver Identität", die mich bei tosendem Deutschland!-Gebrüll vor Bildschirmen schwer schlucken lässt."

Bin selbst auch kein Deutschland!!-Brüller, aber ich empfand gerade die FB-Weltmeisterschaft als ein schönes Ereignis, siehe auch die Freiluft-Übertragungen und die vielen netten und positiv denkenden Menschen.

"PS: Ob man Antisemitismus und Antideutsch vergleichen kann??"

Man muss es sogar. ;)

 

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