Samstag, Oktober 07, 2006

Straws Kritik ist berechtigt


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Der Ex-Außenminister Großbritanniens, Jack Straw, hat angedeutet, dass das Tragen von Ganzkörpersäcken (Burkas) nicht unbedingt die Kommunikation mit anderen Menschen erleichtert. Dabei bezog er sich auf muslimische Frauen, die bis auf einen Sehschlitz völlig in irgendwelche Kleider versunken sind. Dass diese Mode ziemlich daneben ist und die Erfinder von ihr sicherlich keine Frauen waren dürfte klar sein.

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Straw hat mit seiner Kritik Recht und in diesem Zusammenhang verwundert ein Artikel von SpiegelOnline schon etwas. Zwar wurde Straw von vielen Moslems und muslimischen Organisationen kritisiert, ganz zu schweigen von politischen Gegnern, aber der Grundtenor dieses Artikel sowie die reißerische Überschrift Proteststurm gegen Straws Anti-Schleier-Appell verzehren die tatsächlichen Reaktionen ziemlich.

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Als eine protestierende Gruppe wird Hisb-ut-Tahir genannt, eine radikalmuslimische Organisation, die natürlich beleidigt auf solche Forderungen reagiert. Dann werden noch moderate muslimische Verbände erwähnt, die dem Ex-Außenminister vorwerfen, von den wahren Problemen Arbeitslosigkeit und Ghettoisierung abzulenken, doch ansonsten fielen die Reaktionen anders aus.

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So gab etwa der Muslimische-Rat von Großbritannien, der die meisten Moslems vertritt, zu bedenken, dass diese Tracht tatsächlich Nicht-Moslems verunsichern könne. Außerdem gäbe es auch unter islamischen Geistlichen keinen Konsens darüber, ob Frauen überhaupt Kopftuch tragen sollen oder nicht.

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Wenn man nun also die Situation betrachtet, so kann man sagen, dass sich von Straw eine radikale Organisation beleidigte fühlte, sowie mehrere moderatere Gruppen ihm ein Ablenkungsmanöver vorwarfen, dem Gegenüber steht unter anderem die größte Muslimische Organisation Großbritanniens, die zumindest Verständnis für diesen Vorschlag (Straw will ja niemanden zwingen!) aufbringt. Von daher erscheint die Überschrift des Textes schlicht falsch, suggeriert sie doch eine aggressive Ablehnung durch die übergroße Mehrheit der Moslems.

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Dabei ist es sicherlich richtig, dass solche Debatten geführt werden, denn sie bringen einen schnell zum eigentlich Kern des Problems. Es geht ja nicht darum, jemanden vorzuschreiben, was er anziehen soll, doch es muss gewährleistet sein, dass Frauen sich freiwillig Totalverschleiern und ebenso freiwillig damit auch wieder aufhören können. Und diese Freiheit über den eigenen Körper zu bestimmen fehlt gerade in muslimischen Milieus leider viel zu oft.

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(Im Übrigen wäre es angebracht, wenn die Frauenbewegung, so sie noch existieren sollte?, sich mal stärker für ihre unfreien Schwestern in muslimischen Ländern und Gemeinden einsetzen würde, wo sie noch immer wie Menschen zweiter Klasse behandelt werden.)