Montag, November 20, 2006

Zwei Frauen reden Tacheles


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Die S-Bahn hatte gerade den Zoologischen Garten gen Potsdam verlassen, als zwei gerade zugestiegene ältere Frauen sich gegenüber von mir hinsetzten. Sie waren in ein Gespräch über Kunstwerke vertieft, die in der Nazizeit geraubte wurden. Warum arisierte Bilder den Dieben wieder abgenommen werden sollen, wollten sie nicht so recht einsehen und empfanden es als Ungerechtigkeit. Die Enkelkinder der Opfer hätten keinen Anspruch darauf und überhaupt ginge es dem Staat doch so schlecht. Eine Schande, dass in einer solchen Situation Forderungen laut werden, die das Land noch mehr schwächen. Umso länger sie sich unterhielten, umso mehr versanken sie stellvertretend für den Staat in einer Rezension, sprachen langsamer, blickten besorgt in die Zukunft und klagten über die Anwälte, die einen zu großen Anteil am Gewinn der zurückgegebenen Bilder erhalten würden.
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So ging die Fahrt weiter und die beiden konnten schlicht nicht von diesem Thema loskommen. Weil sie aber außer einem ziemlich verdrehten Gerechtigkeitsempfinden und der Anwaltsstory nichts Weiteres in das Gespräch mit einflechten konnten, hörten sie sich wie eine hängen gebliebene Schallplatte an. In immer kürzeren Intervallen wiederholten sich die Feststellungen, die längst zu Vorwürfen geronnen waren und die die beiden in das Gefühl versetzten, gleich auf zweierlei Weise von der Geschichte benachteiligt worden zu sein. Zuerst einmal durch den verlorenen Krieg und zusätzlich durch diese Raubgutrückgaben. Wer diese vor Betroffenheit und Selbstmitleid bebenden Gesichter gesehen hat, dem wird augenblicklich klar, dass das Mahnmal in Berlin für die falschen Opfer errichtet wurde.

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Für solche Leuten müsste dort eines stehen und anstatt schwarzer Monolithen sollten es Kopien der schönsten arisierten Kunstwerke sein. Man läuft dann schweigend durch die Reihen, zur linken blickt einen die schöne Adele Bloch Bauer an, zur rechten ist ein Birkenwald zu bewundern und mitten drinnen lassen sich hin und wieder die Seufzer derer vernehmen, die erst an diesem Ort merken, was den Deutschen durch den verlorene Krieg verloren ging: die wunderschöne Raubkunst.

Das Gespräch der beiden fand dann auch noch einen gelungenen Abschluss dadurch, dass sie irgendwann zum Ergebnis kamen, dass auch Mal Schluss sein muss „damit“ und dass ja alle im Krieg gelitten haben. Hätten sie aus dem Fenster gesehen, sie hätten die Gedenkstelle sehen können, die am Bahnhof Grunewald an die zehntausenden Juden erinnert, die von dort in die Vernichtungslager deportiert wurden.

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3 Comments:

At 20 November, 2006 20:14, Anonymous Motta said...

Du bist aber phantasielos, ts ts.
Da hätte man ein von hinten mal ein, "ja ja die Juden," einwerfen sollen. Was meinst Du, da wären die beiden abgegangen wie ein Fruchtgummi. :-)))

Viele Grüße
Motta

 
At 21 November, 2006 06:47, Anonymous Hamster said...

Aus meiner Sicht ist es unbefriedigend, dass - der gültigen Rechtslage folgend, die, sofern ich mich recht erinnere, 1998 beschlossen worden ist - die jetzigen Besitzer von Kunstwerken, die ehemals in jüdischem Besitz waren, nachweisen müssen, dass dieser Besitz legal und legitm ist. Das ist eine Beweisumkehr.

In der Praxis geht es auch nicht um Restitution sondern um Kohle.

 
At 22 November, 2006 01:17, Blogger Fuchsbau said...

es handelt sich nun mal nicht um einen normalen juristischen vorfall, von daher ergreife ich sicher keine partei für die, die vom totschlag an juden direkt oder indirekt profitiert haben.

und um was es in der praxis tatsächlich geht, ist völlig egal, denn der täter hat nicht dadurch ein mitspracherecht erworben, weil er zuvor den besitzer ermordet hat.

 

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