Dienstag, Dezember 19, 2006

Die 3 Redaktöre


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Am Montagabend traten im Tipi die 3 Redaktöre auf. Diese zerfallen in die Personen Henryk M. Broder, Matthias Matussek und Gabor Steingart. Moderiert wurde die Veranstaltung von Frank A. Meyer. Im Tipi, einem Zelt neben dem Kanzleramt, lässt sich die Atmosphäre als unberechenbar beschreiben. Gedämpftes Licht, Klavier, Bar. Hier könnte alles passieren. Auftritte von Gogo-Tänzerinnen ebenso wie eine Pressekonferenz der Wirtschaftsweisen. Meyer machte aber schnell deutlich, dass heute die Stangen unberührt, sowie die Statistiken in den Aktenordnern bleiben und stellte in einer kurzen Eröffnungsansprache die drei Journalisten vor.

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Jeder von ihnen präsentierte in einem dreiminütigen Monolog sein Thema, über das danach diskutiert wurde. Matussek machte den Anfang und sprach über den deutschen Patriotismus. Die Weltmeisterschaft habe ein neues Nationalgefühl geboren. Wäre es in seinen jungen Jahren noch undenkbar gewesen, sich als Deutscher positiv auf Deutschland zu beziehen, sei dies nun endlich möglich. Er definierte dabei jeden als Deutschen, der sich selbst als ein solcher fühle.

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Der „Beutedeutsche“ Broder mokierte sich danach über Matusseks leere Phrase „Ich bin gerne Deutscher!“ und stellte sie in eine Linie mit dem ebenso tiefsinnigen Bekenntnis „Ich wohne gerne!“ Außerdem verwahrte er sich dagegen, dass Werte wie Meinungs-, oder Pressefreiheit in Patriotismus-Diskussion überhaupt als Pluspunkte für dieses Land angeführt werden. Diese Werte sollten endlich als Selbstverständlichkeiten vorausgesetzt werden können. Darauf ein Nationalbewusstsein aufzubauen, sei etwas wenig. Weil Matussek aber den von ihm gerade erst entdeckten (neuen?) Patriotismus nicht schon nach einem WM-Sommer verlieren möchte, brachte er immer weitere Argumente für dessen Existenz und Notwendigkeit vor. Mal ist der Patriotismus nie näher als in dem Moment, indem seine Frau ein leckeres (offenbar deutsches) Gerichte auf den Esstisch stellt. Dann sieht er ihn in Brandts Kniefall. Und immer wieder in der Nationalmannschaft. Der Wirtschaftsaufschwung sei ja auch erst durch dieses neue Nationalgefühl möglich gewesen, behauptete er euphorisch.

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So euphorisch, dass Steingarts Verneinung eines solchen Zusammenhangs keine erkennbare Ernüchterung bewirkte. Aber auch wenn er vor lauter Begeisterung dann und wann nicht sonderlich schlüssig Argumentierte, ist der Patriotismus made in Matussek nichts Engstirniges oder Bedrohliches. Nein, er ist eher ein Verein, zu dem potentiell jeder Zutritt hat. Mehrmals ging er darauf ein, dass Deutscher-sein nichts mit Religion oder Ethnie zu tun habe.

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Als nächstes stellte Gabor Steingart, neben Broder der zweite Teilnehmer mit Migrationshintergrund, sein Themengebiet vor. Obwohl er sehr sympathisch und unterhaltsam aufzutreten verstand, wirkte die Debatte über Globalisierung und Arbeitsplatzabwanderung doch an schwerfälligsten. Sie wollte nicht so recht in die Lücke passen, die sich zwischen Mattuseks Patriotismusjubel und Broders Islamismuswarnung auftat. Ob die Chinesen nun wirklich eine Bedrohung für die deutsche Wirtschaft darstellen oder nicht, schien gar nicht so sehr Thema zu sein. Viel eher, dass der eine Diskutant seine Kleider lieber bei C&A und der andere beim Edelschneider kauft. An dieser Stelle erlahmte die Debatte etwas, Grund genug für F.J. Wagner lautstark ein Zeichen zu setzen. Der bisher ruhig im Publikum verweilende stand auf und ging und teilte dem Publikum zuvor noch den Grund seines frühen Abgangs mit: „Langweilig!“ Ganz wie in seiner kultigen Kolumne, braucht er auch im wirklichen Leben nicht viele Worte, um seinen Standpunkt klarzumachen.

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Broder stellte sein Thema als letzter vor. Mit Blick auf einen Bademantels, der von Steingart zuvor noch als ein Symbol der neuen wirtschaftlichen Wirklichkeit genutzt wurde, meinte er pointiert, dass in einigen Jahren keine Bademäntel mehr über Nacht in Polen gewaschen und am nächsten Morgen wieder in deutschen Hotels liegen würden, sondern Burkas. Es entwickelte sich im Anschluss daran der interessanteste Teil der Diskussion. Matussek griff die entstehenden Parallelgesellschaften an, während Broder diesen Begriff für die hießige Situation ablehnte. In den pluralistischsten Gesellschaften der Welt, in Kanada, Australien oder den USA, würde es praktisch nur Parallelgesellschaften geben. Diese seien nicht gefährlich, sondern notwendig. In Deutschland habe man es stattdessen mit Vorbereitungsgesellschaften zu tun.

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Daneben gäbe es auch noch einen anderen gravierenden Unterschied zwischen der Situation in solchen Einwanderernationen und Deutschland. In den USA sind Immigranten stolz darauf Amerikaner zu sein, während viele der in Deutschland lebenden (zumeist muslimischen) Migranten die Werte ihrer neuen Heimat verachten würden. Matussek stellte dann die Frage, wie denn ein Türke stolz auf Deutschland sein solle, wenn nicht einmal „echte“ Deutsche stolz auf ihre Heimat wären. War dieser Einwand durchaus berechtigt, leistete er sich danach einen umso fragwürdigeren Vergleich, um die Gefahren des islamistischen Terrors zu relativieren. Statistisch gesehen sei die Gefahr größer, vom Meteoriten getroffen zu werden, als das Opfer eines Terroranschlages zu werden. Nicht nur ist diese Behauptung statistisch gesehen falsch, sondern sie ist auch unredlich, da sie eine reale Gefahr durch billige Taschenspielertricks zu verharmlosen versucht.

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Während Steingart und Matussek die tatsächliche Bedrohung durch den Islamismus für weniger alarmierend einstuften, präsentierte Broder mehrere Beispiele, an denen die schleichende Kapitulation erkennbar wird: Künstler, die zwar voller Eifer auf die Verbrechen der USA aufmerksam machen, aber sich nicht trauen, auch kritisch über den Islam zu berichten und diese Feigheit dann auch noch als weises Handeln verstanden haben wollen. Schulleiter, die zu wissen glauben, welche Bilder den muslimischen Schülern und ihren Eltern nicht zugemutet werden können, wodurch sie nicht nur die Meinungsfreiheit aufgeben, sondern auch die muslimischen Eltern entmündigen, indem sie ihnen vorschreiben, was sie anstößig finden müssen. Und Zeitungen, die es sich noch hoch anrechnen, im Karikaturenstreit nicht den Mut zur Veröffentlichung aufgebracht zu haben. Es ist diese als Weisheit daherkommende Feigheit, die Broder als gefährlichsten Feind unseres Wertesystems betrachtet.

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Vielen würde offenbar gar nicht klar sein, welch verheerende Debatten derzeit geführt werden. Debatten, die hinter die Errungenschaften der Aufklärung zurück fallen. Etwa, ob nun die Religionsfreiheit oder die Meinungsfreiheit ein höheres Gut darstellt. Manches dürfe schlicht nicht Gegenstand einer Diskussion sein, meinte Broder, „wir diskutieren ja auch nicht mehr darüber, ob man Kinder schlagen soll oder nicht.“

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Die Debatte wurde kurz vor Schluss noch einmal hochemotional, was in erster Linie einer kleinen cholerischen Eruption von Matussek zu verdanken war. Er fühlte sich von Meyer falsch dargestellt, als dieser ihn im Zuge einer Wertedebatte dazu aufforderte, einmal Verfassungspatriot zu sein. „Es sein eine Unverschämtheit!“, schrie dieser daraufhin und dass er heute Abend doch immer wieder genau diesen Verfassungspatriotismus eingefordert habe. Vielleicht war er aber auch einfach nur etwas wütend, weil Meyer zuvor Matusseks Behauptung, dass die Bedrohung durch den Islamismus nicht frei von Panikmache sei, mit dem Verweis darauf konterte, dass er nach jedem von ihm verfassten islamkritischen Artikel Morddrohungen erhalten würden. Broder konnte den polternden Patrioten aber beruhigen, danach noch einige Sätze loswerden, ehe der souveräne Meyer diese unterhaltsame Veranstaltung für beendet erklärte.

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3 Comments:

At 20 Dezember, 2006 23:05, Anonymous Hamster said...

"„Es sein eine Unverschämtheit!“, schrie dieser daraufhin und dass er heute Abend doch immer wieder genau diesen Verfassungspatriotismus eingefordert habe."

Erstens ist Matussek Choleriker, was ihm verziehen werden sollte, zweitens hat er natürlich gerade nicht "Verfassungspatriotismus" eingefordert.

Wurde - so glaube ich - von Gustav Heinemann entwickelt, funktioniert nicht und befriedigte im Allgemeinen die Linken vor dem Zusammenbruch des Ostblocks.

Ob Matussek das alles wusste? ;)

 
At 23 Dezember, 2006 15:00, Anonymous Anonym said...

Matussek gehört zu den lauten, vollkommen überschätzen Skribenten. Er ist nicht nur der "Mann fürs Grobe", der dem Pöbel aufs Maul schaut, sondern schreibt bzw. schmiert einen schlechten, trivialen Stil, der die ohnehin schlechte Spigelsprache noch weiter nach unten zieht! Broder ist ein seltener Lichtblick!
Hans Hamburg

 
At 29 Dezember, 2006 14:10, Anonymous Anonym said...

„Ich bin gerne Deutscher!“ ist eine leere Phrase wie "ich wohne gerne", "ich bin gerne Amerikaner" dagegen ein stolzes Bekenntnis, das den Ansturm der terroristischen Horden abwehren hilft. Ja watt denn nu?

Und wenn man ausgerechnet "Zeitungen, die es sich noch hoch anrechnen, im Karikaturenstreit nicht den Mut zur Veröffentlichung aufgebracht zu haben" als Symptom der zunehmenden Islamisierung Deutschlands ansehen will, dann müssten die USA schon vollkommen im muslimischen Würgegriff sein, denn es bleibt nunmal eine Tatsache, dass keine einzige überregionale US-Zeitung die Karikaturen veröffentlich hat, ganz im Gegensatz zu Taz, Bild, Welt, FAZ und so weiter in Deutschland.

Broder trollt.

multi_io

 

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