Samstag, Februar 24, 2007

Seniorenwahn auf SpiegelOnline



Am Sonntag steht wieder die Oscarverleihung an. Rund um dieses Großereignis kann in deutschen Zeitungen traditionell gelesen werden, dass Hollywood nicht mehr ist, was es mal war, dass es mittlerweile doch viel zu unpolitisch zu gehe und einem Jugendwahn gehuldigt wird, der aufs Schärfste zu kritisieren ist.
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Was Hollywood je anderes gewesen sein soll, als der Ort, an dem die besten Filme gedreht werden, verraten diese Nostalgiger zwar nicht, aber man kann vermuten, dass ihre Beschwerden nur eine Metapher für in Verachtung umgeschlagenen Neid auf die Erfolgsgeschichte Hollywood ist. Auch die Kritik am unpolitischen Hollywood ist so ein sonderbarer Vorwurf. Alles, was über die Zurechnungsfähigkeit der meisten "politischen" Schauspieler zu sagen ist, wird hier gesagt. Man sollte Sean Penn und Jane Fonda lieber dazu ermutigen, weiterhin gute Filme zu drehen, anstatt sich auf Bühnen zu bewegen, für die sie tatsächlich kein Talent mitbringen. Und selbst wenn Hollywood dann doch einmal so wäre, wie es früher schon nie war, und Michael Moore die Oscars moderieren dürfte, gäbe es noch immer ein letztes unverzeihliches Verbrechen, dem sich die Filmstadt schuldig macht: Jugendwahn.

SpiegelOnline schießt sich gerade warm für die Berichterstattung rund um den roten Teppich und beginnt mit eben diesem Vorwurf. Da wird von der Vorliebe für "blutjunge Leinwandprinzessinen" geschrieben, was wohl nicht nur moralisch verwerflich sein soll, sondern irgendwie auch unseriös. Und wie wunderbar sich als Kritik verkleidetes Ressentiment gegen die Realität behaupten kann, wird an der Tatsache deutlich, dass in diesem Jahr nicht weniger als drei nicht mehr ganz so blutjunge Leinwandprinzessinen für den Oscar nominiert sind. Anstatt zu stutzen, durchschaut der Spiegel dieses falsche Spiel aber problemlos und weiß:

Hollywood feiert genaugenommen nur seine schon als Naturgesetz behauptete Altersbeschränkung und seine eigene Lust an alten Drachen, Hexen und "bösen" Königinnen. Mit dem britischen Kino zusammengenommen sind es eben in diesem Jahrgang gleich drei Märchenreiche, denen alte Weiber vorstehen. Und ihre gnädige Beachtung vom Nabel der Welt aus hat neben allen selbstbezogenen Eitelkeiten durchaus etwas Folkloristisches.


Wer diese Begründung jetzt nicht versteht, ist selber schuld! Am Ende wird auch noch mal klar, an wem sich Hollywood/Amerikaner bitte schön ein Beispiel nehmen sollte. Genau, an dem aufgeklärten Europa/Deutschland. Umso interessanter und für die Amerikaner sicher auch exotischer kommt daher vielleicht die dritte Nominierung für eine Frau im besten Alter daher, heißt es im Artikel. Und da hat der Text auch Recht. In einem Land nämlich, indem die aussterbenden Deutschen nur dann die Titelseiten räumen müssen, wenn der ganze Planet auflagensteigernd zu Grabe getragen wird, ist es natürlich nicht exotisch, ältere Schauspielerinnen zu sehen. Schon allein aus Mangel an blutjungen.

Die Autorin des Spiegel-Textes könnte sich nun aber auch überlegen, ob ihre Kritik nicht völlig sinnfrei ist. Immerhin wird ja niemand gezwungen, sich Filme anzugucken, wo das Durchschnittsalter der Protagonisten unter fünfundfünfzig liegt. Außerdem verfolgt Hollywood keine Anti-Senioren Politik, weil Hollywood schlicht keine Politik macht (und wenn man das mal begreifen könnte, würde das Wehklagen über die Entpolitisierung der Oscarsveranstaltung auch endlich verstummen). Hollywood dreht Filme und diese orientieren sich an dem, was das Publikum sehen will. Wenn der Kinobesucher nun mal lieber einen Actionfilm sehen möchte, als einen Film über die Probleme des Älterwerdens, wäre jede Art von Filmindustrie (die nicht subventioniert ist) verantwortungslos, sich nicht daran zu orientieren. Der Konsument entscheidet, was geliefert wird. Hollywood ist kein homogenes Gebilde mit einer Agenda, sondern ein Sammelsurium von verschiedenen konkurierenden Unternehmen, die sich auf dem freien Markt zu behaupten versuchen. Der Kinobesucher entscheidet, wie alt die Filmgesichter zu sein haben, und es spricht nicht für den Spiegel, diese simple Regel noch immer nicht begriffen zu haben.
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3 Comments:

At 24 Februar, 2007 20:56, Anonymous Steve said...

Hallo Gideon,

Was Hollywood je anderes gewesen sein soll, als der Ort, an dem die besten Filme gedreht werden, verraten diese Nostalgiger zwar nicht,

Das könnte daran liegen, dass die Autoren das Wissen darum, dass Hollywood unter McCarthy politisch gesäubert wurde, vorraussetzen. Hollywood _war_ mal anders, und es hat den Menschen auch gefallen.

Schönen Gruß, Steve

 
At 24 Februar, 2007 21:58, Blogger Gideon Böss said...

@ steve

das stimmt nicht. gerade in der anfangszeit hollywoods, als die studios noch von filmmogulen "regiert" wurden, hielt man sich mit politischen filmen zurück. was nicht zuletzt damit zusammenhing, dass gerade diese filmmogule selber keine sympathien für den komunismus hatten. es waren antisemitische motive, die dafür verantwortlich sind, dass hollywood zu einem ort erklärt wurde, wo sich kommunisten sammeln und untersützung erfahren würden.
die tatsache nämlich, dass sich da irgendwo in kalifornien aus einer belächelten jahrmarktsattraktion
- genannt "film" - eine ganze industrie entwickelte, die noch dazu auf die ganze gesellschaft wirkt, gefiel vielen nicht. noch weniger dadurch, dass diese filmindustrie größtenteils von juden geschaffen und "regiert" wurde. die filmmogule wussten dies genau und darum fürchteten sie sich zu recht vor diesem kommunismusverdacht, der kein verdacht, sondern plumper antisemitismus war.

politisch und vor allen sozialkritisch ist hollywood erst in den 70er jahren geworden. filme wie bonnie und clyde oder easyrider waren etwas wirklich neues.

es ist auch falsch, von säuberungen zu sprechen, genau genommen ist es sogar zynisch. denn zur gleichen zeit wurden tatsächlich säuberungne begangen, die viele tausende von toten zur folge hatte, allerdings nicht in den usa, sondern in der sowjetunion.

 
At 27 Februar, 2007 01:47, Anonymous Hamster said...

Ein Leben ohen Möpse ist möglich, aber sinnlos.

 

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