Sonntag, August 26, 2007

Das Volk bei denen da oben


Und dann standen wir vor dem Hintereingang des Kanzleramtes, von wo aus es in den Garten geht, und wurden nicht mehr reingelassen. Immer mehr Menschen kamen zur Tür und wurden abgewiesen. "Die Kanzlerin kommt gleich, sie müssen sich etwas Gedulden", erklärte ein dünner, nervöser Mitarbeiter. Wir warteten und spekulierten darüber, wer Merkel eigentlich ist, und ob es sich beim Türsteher vielleicht nur um einen Spinner handelt, der sich seine 15 Minuten Macht abholen will, indem er sich als Sicherheitsmann aufspielt. Doch nicht alle blieben so passiv wie wir. Nein, andere gingen in die Offensive. Genauer, einer ging in die Offensive. Verwaschenes T-Shirt, zu enge Hosen und eine in die Autonomie entlassene Haarpracht. "Erst werden die Bürger hier her gelockt, und dann so etwas. Das kann doch nicht wahr sein!" Er war fassungslos. Die kurzen Arme wirbelten unbeholfen hin und her. Der Mann spürte deutlich das historische Unrecht, welches ihm gerade angetan wurde. "Das ist das letzte Mal, dass ich das hier mitmache!", entschied er. Von der Demokratie enttäuscht, zieht er sich schließlich mit dem Schlachtruf "Und dafür zahlen wir Steuern!" zurück.

Weil das Warten kein Ende nimmt, nehmen wir einen anderen Weg raus aus dem Kanzleramt. Es folgt eine Wanderung durch den Tiergarten zum Stand des Verteidigungsministeriums. Hier wird schärfer Kontrolliert. Personalausweis und Rucksack. Dann kommt man auf einen großen Platz. Als erstes steht da ein Leopard II Panzer direkt neben einem Tiger Kampfhubschrauber. In einer Ecke wartet ein Tornado Pilot darauf, dass kleine Kinder sich ins Cockpit setzen und den Lenker hin und her reißen. Ob es dem Piloten weh tut, wer weiß. Die anwesenden Bundeswehrsoldaten stehen neben ihren jeweiligen Waffengattungen oder Versorgungsfahrzeugen und geben Auskunft. Ein jüngere Fernmeldesoldat hofft darauf, bald wieder nach Afghanistan zu dürfen, und ist sichtlich stolz darauf, die Vorzüge des neuen Erste-Hilfe Wagens mitzuteilen. Ein Fallschirmspringer aus Bayern prahlt etwas damit, an neuen Waffengattungen zu forschen und die Feldjäger geben zu, dass sie heute nicht mehr dazu eingesetzt werden, Schulschwänzer einzufangen und zur Schule zu bringen.

Dann gibt es auch noch den Stand des KSK. Der Eliteeinheit der Bundeswehr. Zumindest auf diesem Tag der offenen Tür tritt das KSK aber nicht in Bestbesetzung an. Ein etwas verwaschen, schlaksig aussehender Typ stellt sich als Teil der Truppe vor. Er hat ein wenig die Figur von Goofy und bei diesem Anblick sinkt die Bereitschaft, sich irgendwo entführen zu lassen, doch rapide. Es ist darum beruhigend zu hören, dass er nur zu den Versorgern gehört. Er trägt den echten KSKlern also die Wasserflaschen hinterher. Okay, das dürfte er hinbekommen. Trotz seiner eher weniger beeindruckenden Karriere, meint er dennoch, extrem geheimnisvoll auftreten zu müssen. Leises reden, beinahe flüstern. Internes dürfe er nicht verraten, verrät er. Es wurden zwar auch keine diesbezüglichen Fragen gestellt, aber trotzdem gut, dass er das noch einmal betont. Und er wird viele Geheimnisse kennen, etwa, was die richtigen KSKler eigentlich am liebsten trinken: Cola, Fanta, oder Ice-Tee. Nachdem der lebende Beweis des Gegenteils dann auch noch meint, dass "wir beim KSK nur die Besten nehmen", trennen sich die Wege wieder.

Wir gingen nachhause. Zwar hatten wir Merkel nicht gesehen, dafür können wir uns aber aufgrund der aufgezwungenen Wartezeit als Kollateralschaden ihres Auftritts im Kanzleramtsgarten begreifen. Ja, und in einem Jahr kommen wir dann wieder zum Demokratie gucken.

2 Comments:

At 26 August, 2007 13:31, Blogger DF said...

gestatte mir die Klugscheisserei. Als Waffengattung bezeichnet man im Bundi-Jargon (MilSprech) eine militärische Spezialisierung wie "Panzergrenadiere", "Feldjäger" oder "Artillerie".

 
At 26 August, 2007 13:47, Blogger Franklin D. Rosenfeld said...

Sowas haette es unter dem Fuehrer bestimmt nicht gegeben!

 

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